Zur zweiten Ausgabe (01/2017)

An der Existenz des kritischen Verhaltens, das freilich Elemente der traditionellen Theorien und dieser vergehenden Kultur überhaupt in sich birgt,…

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An der Existenz des kritischen Verhaltens, das freilich Elemente der traditionellen Theorien und dieser vergehenden Kultur überhaupt in sich birgt, hängt heute die Zukunft der Humanität. Eine Wissenschaft, die in sich eingebildeter Selbstständigkeit die Gestaltung der Praxis, der sie dient und angehört, bloß als ihr Jenseits betrachtet und sich bei der Trennung von Denken und Handeln bescheidet, hat auf Humanität schon verzichtet. Selbst zu bestimmen, was sie leisten, wozu sie dienen soll, und zwar nicht nur in einzelnen Stücken sondern in ihrer Totalität, ist das auszeichnende Merkmal der denkerischen Tätigkeit. Ihre eigene Beschaffenheit verweist sie daher auf geschichtliche Veränderung, die Herstellung eines gerechten Zustands unter den Menschen.
– Max Horkheimer, 1937

Wie kann man die  angestoßene Debatte aus dem letzten Heft zusammenfassen?  Fürs Erste soll es ausreichen festzuhalten, dass die Sozialismus-Debatte überhaupt (noch) geführt wird ― die Texte stehen für sich. Der Begriff des «demokratischen Sozialismus» scheint prinzipiell immer noch «erstaunlich gut in eine neue Zeit» zu passen, wie Mark Fischer in der vorliegenden Ausgabe feststellt ― das zeigte uns auch die Resonanz der jüngeren Autorinnen und Autoren auf das Thema.

Hermann Weber hat wohl recht, wenn er 1992 schreibt: «Was ist demokratischer Sozialismus? Auf diese Frage gibt es weder eine kurze noch eine ‹verbindliche› Antwort, wohl aber genügend Umschreibungen.»  Nach einer Reihe von Zitaten kommt er zur Schlussfolgerung: «Allen diesen Definitionen ist zweierlei gemeinsam: Erstens wird Sozialismus verstanden als eine Gesellschaftsordnung, in der bestimmte Grundwerte [Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität] weitgehend verwirklicht sind, zweitens ist Sozialismus kein ‹Endziel›, sondern eine ‹dauernde Aufgabe›, Demokratischer Sozialismus ist der programmatische Sammelbegriff für alle sozialistischen Parteien und Bewegungen, die sich zur politischen Demokratie bekennen und den Sozialismus als Ziel der Emanzipation des Menschen anstreben.» (Weber, S. 13f.)

Wir wissen um die Dimension der Zeitlichkeit, die eine «wissenschaftlich-theoretische» von einer «alltäglich-praktischen» Erkenntnis unterscheidet. Wir nehmen uns diese Zeit zum Reflektieren  ― jenseits von politischen Machtstrategien.  Wir wissen aber auch, dass Theorie immer «im Interesse der Praxis stehen» muss, will sie nicht zur Stabilisierung der repressiven Verhältnisse beitragen, über die sie aufklären will.  Im Zentrum der kritischen Wissenschaft steht der intellektuelle Widerstand gegen Herrschaft und Unterdrückung, sowie die Erinnerungspflicht an uneingelöste Versprechen. «Auch wenn kritische Wissenschaft keine ‹Blaupausen› für Realpolitik liefern wird und kann, auch nicht für die Politik oder ihr nahestehenden Bewegungen, so kann sie doch ihre Erkenntnisse und ihre Ideen zum Weiterdenken anbieten, gerade weil sie selbst keine Interessen durchsetzen will.» (Brand, S. 155)

Über das Theorie-Praxis-Verhältnis werden wir fortwährend nachdenken. In diesem Kontext wollen wir unseren Arbeitskreis weiterentwickeln.  Auf der Frühjahrstagung in Malente einigten wir uns, dass ein «Irgendwie» vorerst ausreichen muss, damit ein Freiraum gesichert bleibt, in dem sich die thematischen Schwerpunkte ergeben werden. Mit der bevorstehenden Bundestagswahl richten wir den Blick an dieser Stelle verstärkt auf die Praxis, auf gegenwärtige Missstände. Wohlwissend, dass es bei uns einfach nur um die «Vorführung des Reflexionsaktes eines kritischen Bewusstseins» (Bubner) gehen darf ― eben darum, textlich diese Herangehensweise anzubieten, und somit einen kritischen Kulturraum zu schaffen, der ins beherrschte Denken intervenieren will.

Die Texte der neuen Ausgabe greifen allesamt dieses «Irgendwie» auf und versuchen es auf den Begriff zu bringen und teilweise auch mit einer Handlungsperspektive zu verbinden: Jöran Klatt fragt, welche gemeinsame Sprache ein Rot-Rot-Grünes Projekt finden könnte und schlägt den Begriff der «Hegemonie der Solidarität» vor. Merle Stöver erkennt im Patriarchat den «zweiten Hauptwiderspruch neben Kapital und Arbeit» und plädiert mit Blick auf die kommenden Wahlen für eine feministische Doppelstrategie im Parlament und auf der Straße. Ken Kleemann sucht  nach den gegenwärtigen politischen Fronten und plädiert für einen «demokratischen Antifaschismus, der weder jenseits von Links und Rechts denkt noch in die neue Frontstellung von Globalisierern und Nationalisten abrutscht.»  Moritz Rudolph ist auf einen Text von Max Horkheimer gestoßen, der für die heutige Populismus-Debatte erstaunlich aktuell sein könnte. Carsten Schwäbe setzt die Sozialismus-Debatte aus dem letzten Heft fort, Magnus Neubert reagiert mit einer kritischen Antwort. Hendrik Küpper hat Oliver Nachtweys «Abstiegsgesellschaft» gelesen: Er lobt die analytische Schärfe der Studie, vermisst aber Handlungsperspektiven. Schließen wird die zweite Ausgabe Christian Fischer, der begeistert den Titel «Bessere Welt – Hat der Kapitalismus ausgedient?» rezensiert.

Nochmal: Wenn nicht offensichtlich, muss sich nicht zumindest eine «implizite Logik» unseres Arbeitskreises rekonstruieren lassen? Eine Art des Weltumgangs, Facetten eines erkennbaren Gestus? Dieses Irgendwie scheint zumindest in einer Bewegung zwischen Oberfläche und Tiefe zu stehen. Diesen Gestus wollen wir weiter ausdrücken, pflegen, voranbringen und daran erinnern. Was ist der eigentliche Grund für diesen Tiefgang? Hannah Arendt wusste es vielleicht:

«Das größte Böse ist (.) nicht radikal, es hat keine Wurzeln, und weil es keine Wurzeln hat, hat es keine Grenzen, kann sich ins unvorstellbar Extreme entwickeln und über die ganze Welt ausbreiten. Die Mörder im Dritten Reich führten nicht nur ein mustergültiges Familienleben, sie verbrachten ihre Freizeit gerne damit, Hölderlin zu lesen und Bach zu hören, und damit ist bewiesen, dass Intellektuelle ebenso einfach in Verbrechen hineingezogen werden können wie jeder andere auch. Aber die Sache bei diesen hochkultivierten Mördern ist die, dass nicht ein einziger von ihnen ein anhörenswertes Musikstück komponierte oder ein Gedicht schrieb, dass es wert wäre, dass man sich daran erinnerte. Denken und Erinnern sind die menschliche Art und Weise, Wurzeln zu schlagen, den eigenen Platz in der Welt, in der wir alle als Fremde ankommen, einzunehmen. Was wir Person oder Persönlichkeit nennen, entsteht aus diesem wurzelschlagenden Denkprozess. Ein denkendes Wesen weiß mit sich zu leben, es gibt sich Grenzen zu dem, was es sich zu tun erlauben darf, und diese Grenzen werden nicht von außen aufgezwungen, sondern selbst gezogen. Das extrem Böse ist nur dort möglich, wo diese selbstgeschlagenen und gewachsenen Wurzeln fehlen.» (Arendt, S. 77)

Literatur:

Arendt, H.: Über das Böse: Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. Piper 2006
Brand, U.(Hg.): ABC der Alternativen. Von Alltagskultur bis Zivilgesellschaft. VSA 2012
Horkheimer, M..: Traditionelle und kritische Theorie : Fünf Aufsätze Fischer 1992
Weber, H.: Das Prinzip Links. Ch. Links 1992

Moritz Rudolph & Simon Obenhuber, April 2017

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