Kaum ein Lied hat in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung so viel Bedeutung erlangt wie Die Internationale.1 Hannes Waders deutschsprachige Aufnahme2 hat auch heute noch eine beeindruckende Kraft, Menschen politisch zu berühren und zum Nachdenken über Solidarität und internationale Verantwortung anzuregen. Die Botschaft dieses Liedes geht weit über musikalischen Ausdruck hinaus: Es ist ein Aufruf, sich über nationale Grenzen hinweg zu solidarisieren und sich für die Rechte von Menschen einzusetzen, die unterdrückt, benachteiligt oder in Kriegen Opfer von Gewalt werden.
Der Begriff der „Internationalen“ symbolisiert historisch die Idee von Einigkeit unter Arbeiter:innen weltweit. Er steht für das Streben nach gemeinsamen Zielen, nach Gerechtigkeit und nach gegenseitiger Unterstützung über nationale und kulturelle Grenzen hinaus. Doch in der Praxis zeigt sich, dass gerade innerhalb der heutigen linken Bewegungen diese Einheit alles andere als selbstverständlich ist. Dies gilt für Deutschland, Europa und auch weltweit, wobei sich in diesem Artikel auf ersteres fokussiert wird. Unterschiedliche Strömungen interpretieren Solidarität unterschiedlich: Man kann sie als moralische Verpflichtung oder als politische Notwendigkeit sehen. Ob dies dann in konkretes Handeln mündet, welches auch materielle Unterstützung einschließt, wird unterschiedlich interpretiert.
Gerade heute, in einer Welt, die durch politische Spannungen, regional begrenzte Kriege und globale Ungleichheiten geprägt ist, ist es umso relevanter, über die konkrete Bedeutung internationaler Solidarität nachzudenken. Die Frage lautet nicht nur: Sollten wir Solidarität zeigen?, sondern auch: Mit wem und in welcher Form ist Solidarität möglich? Diese Frage gewinnt zusätzliche Brisanz, wenn man die unterschiedlichen Konflikte betrachtet, die in der internationalen Politik aktuell besonders sichtbar sind. Anhand zweier Konflikte soll diese Fragestellung in diesem Artikel scheinwerferartig untersucht werden: Die Westsahara und die Ukraine. Dies sind zwei Konflikte, die mit Blick auf ihre Länge, ihre Öffentlichkeitswirksamkeit und – wie sich zeigen soll – auch hinsichtlich der Solidaritätsausübungen kaum unterschiedlicher sein könnten. Das macht den Vergleich umso produktiver.
Die Westsahara – die vergessene Kolonie
Die Westsahara gilt als die letzte Kolonie Afrikas3. Nach dem Rückzug der spanischen Kolonialmacht im Jahr 1975 hätte das Gebiet die Chance auf vollständige Unabhängigkeit gehabt. Doch diese Möglichkeit wurde praktisch sofort durch die marokkanische Besetzung verhindert. Seitdem kämpfen die saharauische Bevölkerung und insbesondere die Polisario-Front4, die aus der Tradition des afrikanischen Befreiungsnationalismus und sozialistischer Antiimperialismus-Bewegungen hervorging, unermüdlich für Selbstbestimmung.
Linke Akteure haben im Laufe der Jahrzehnte wiederholt ihre Solidarität bekundet, allerdings auf durchaus unterschiedliche Weise. Auffällig dabei ist, dass selbst innerhalb von Parteien und Gruppen häufig keine einheitliche Kommunikationsstrategie umgesetzt wird. Einige – darunter die Partei Die Linke5, Landesparteien der SPD6 aber auch die DKP7 – setzen sich offen für die Westsahara ein, ob durch eine offene Unterstützung der Polisario-Front oder in Form von Delegationsreisen. Andere, wie die Bundestagsfraktionen von SPD8 und Grünen9, beschränken sich auf primär symbolische Gesten wie allgemeine Appelle an internationale Institutionen. Was sich dabei durchzieht, ist die insgesamt geringe Beachtung des Konflikts.
Doch selbst diese symbolische Unterstützung wird durch die geopolitische Realität stark eingeschränkt. Materielle Hilfe ist kaum vorhanden, militärische Unterstützung findet praktisch nicht statt, und humanitäre Initiativen sind oft nur klein und punktuell. Ein besonders deutliches Beispiel für diese begrenzte Wirkung zeigt sich beim UN-Sicherheitsrat: Vor kurzem bezog er erneut Stellung zur Westsahara10. Doch diese Stellungnahme fiel nicht zugunsten der Unabhängigkeitsbewegung aus. Vielmehr wurde faktisch die marokkanische Forderung unterstützt, das saharauische Gebiet in das marokkanische Staatsgebiet einzubetten. Ein Vertreter der Polisario-Front, Mohamed El Mamun Ahmed, bezeichnete dies treffend als „Annexion“11, um das Ausmaß dieser Entscheidung zu verdeutlichen. Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, wie selbst lang eingefrorene Konflikte auf diplomatischer Ebene überraschend volatil werden können und wie symbolische Solidaritätsbekundungen nicht automatisch zu politischen Veränderungen führen.
Die Ukraine – Kriegsrealität und moralische Dilemmata
Die Situation in der Ukraine zeigt ein anderes Bild. Seit dem russischen Angriffskrieg 2022 – und bereits seit der Annexion der Krim 2014 – wird innerhalb der Linken intensiv darüber diskutiert, wie Solidarität gelebt werden kann, ohne dabei Grundprinzipien zu verletzen oder den eigenen politischen Ansprüchen untreu zu werden.
Ein Teil der Linken – insbesondere SPD12 und die Grünen13 auf Bundesebene – betont das Selbstbestimmungsrecht der ukrainischen Bevölkerung und sieht darin die Pflicht, die Angegriffenen aktiv zu unterstützen. Für diese Perspektive ist Solidarität nicht nur eine moralische Geste, sondern eine praktische Notwendigkeit, die gerade in Zeiten von Aggression und Gewalt besondere Relevanz erhält. Andere (auch innerhalb der SPD) wiederum lehnen jede Form von Unterstützung ab, die als militärisch interpretiert werden könnte, und verweisen auf die vermeintliche pazifistische Tradition der Arbeiterbewegung, die Gewalt grundsätzlich ablehnt. Zu nennen sind hier insbesondere die Partei Die Linke14, aber auch kleinere linke Gruppierungen.
Diese Debatten verdeutlichen ein zentrales Spannungsfeld: Kann Solidarität mit einem angegriffenen Volk vereinbar sein mit Antimilitarismus? Es lässt sich gut begründet vertreten, dass die Leidtragenden von Kriegen nicht die Regierungen, sondern die Zivilbevölkerung, Arbeiter:innen und Soldat:innen sind. Dem folgend müsste Solidarität in erster Linie humanitär, sozial und zivil gedacht werden – etwa durch Unterstützung für Geflüchtete, Hilfstransporte oder die Förderung von Friedensinitiativen. Doch dagegen ließe sich ebenfalls gut begründet argumentieren, dass ein rein moralischer Pazifismus zu Untätigkeit führen könnte: Es kann also notwendig sein, das Recht auf Verteidigung anzuerkennen, um die Bevölkerung vor Aggression zu schützen.
So zeigt sich, dass die Linke in einem Spannungsfeld operiert: zwischen einem internationalistischen Pazifismus, der Gewalt generell ablehnt, und einem wehrhaften Internationalismus, der Verteidigungsrechte als legitimen Ausdruck der Selbstbestimmung begreift.
Zwischen Wort und Wirkung
Ein Blick auf die konkreten Formen zeigt, wie unterschiedlich Solidarität tatsächlich umgesetzt wird. Im Fall der Westsahara bleibt sie weitgehend auf einer symbolischen Ebene, selbst bei radikaleren Akteur:innen. Materielle Unterstützung vor Ort ist kaum vorhanden, militärische Hilfe wird praktisch nicht geleistet, und humanitäre Solidarität bleibt punktuell. Diese geringe materielle Unterstützung sollte nicht allein darauf zurückgeführt werden, dass es sich – anders als etwa in der Ukraine – nicht um einen voll anerkannten Staat mit klaren Grenzen und funktionsfähigen Institutionen handelt. Zwar erschwert der Status des Territoriums als umstrittene Region eine eindeutige außenpolitische Positionierung, doch zugleich existieren seit Jahrzehnten diplomatische und institutionelle Strukturen, die den Konflikt klar international verorten. Die von der Polisario-Front ausgerufene Sahrauische Arabische Demokratische Republik war bis vor wenigen Jahren Mitglied der Afrikanischen Union, und mit MINURSO besteht eine eigene UN-Mission, die die Westsahara als eigenständigen Konfliktfall behandelt. Diese anhaltende politische und administrative Präsenz relativiert die Vorstellung, es handle sich um einen konfliktpolitischen „blinden Fleck“. Umso auffälliger bleibt daher, dass internationale Solidarität – trotz dieser etablierten Rahmen – weitgehend symbolisch bleibt und kaum in kontinuierliche Unterstützung, geschweige denn in substanzielle materielle Hilfen übersetzt wird. Die jüngste Entscheidung des UN-Sicherheitsrats hat wieder einmal überdeutlich gezeigt, dass selbst eingefrorene Konflikte jederzeit wieder in Bewegung geraten können. Eine internationale Solidarität, die sich oft nur punktuell und pro forma zeigt, ist auf solche Veränderungen ganz offenkundig nicht vorbereitet.
Im Fall der Ukraine hingegen zeigen sich Solidaritätsmaßnahmen sowohl symbolisch als auch praktisch. Die Rückeroberung besetzter Gebiete ist ein dynamischer Prozess, und Hilfsmaßnahmen entstehen noch während der laufenden Kampfhandlungen. Unterstützung richtet sich gegen den Aggressor Russland und umfasst humanitäre Hilfe, medizinische Transporte, politische und diplomatische Unterstützung. Gleichzeitig bleiben die ethischen Fragen innerhalb der Linken offen: Welche Maßnahmen sind legitim, wie weit darf Solidarität gehen, ohne eigene Prinzipien zu verletzen?
Doch auch hier verläuft die Trennlinie deutlich: Während humanitäre Solidarität weithin akzeptiert ist, bleibt jede Form der militärischen Unterstützung innerhalb der politischen Linken höchst umstritten. Insgesamt zeigt sich: Solidarität ist schnell gefordert, aber schwer umzusetzen. Sie bleibt oft symbolisch, solange sie nicht materiell unterfüttert wird – also solange sie nicht spürbar in die Lebenswirklichkeit der Betroffenen eingreift. Echte internationale Solidarität müsste daher über moralische Gesten hinausgehen: Sie müsste sich in konkreter politischer, sozialer und materieller Unterstützung zeigen, die die Machtverhältnisse nicht nur beschreibt, sondern aktiv verändert.
Wenn Solidarität geprüft wird
Ob in der Westsahara oder in der Ukraine – beide Konflikte führen die Grenzen linker Solidarität eindrücklich vor Augen. Sie zeigen, dass internationale Solidarität nicht einfach ein abstraktes Ideal ist, sondern ein komplexes Zusammenspiel aus politischen Möglichkeiten, ethischen Überlegungen und materiellen Ressourcen. Zwischen Theorie und Praxis, zwischen Völkerrecht und geopolitischen Interessen, zwischen Pazifismus und Verteidigungsrecht bleibt internationale Solidarität ein schwieriger, oft widersprüchlicher Begriff.
Während die Westsahara die Grenzen einer Solidarität aufzeigt, die kaum über diplomatische Formeln hinausgeht, macht die Ukraine sichtbar, was möglich wird, wenn Unterstützung auch praktisch und materiell erfolgt – und wie schnell dadurch neue ethische Fragen entstehen. Die beiden Konflikte markieren damit die beiden Pole, zwischen denen internationale Solidarität heute navigieren muss: dem Risiko der Bedeutungslosigkeit und der Herausforderung ihrer eigenen Konsequenzen.
Diese beiden Beispiele verdeutlichen: Solidarität darf nicht nur als moralischer Imperativ verstanden werden. Sie muss konkret, materiell, politisch und sozial erfahrbar sein, um tatsächlich Wirkung zu entfalten. Sie ist kein abstraktes Konzept, das sich durch Worte oder rhetorische Gesten definiert, sondern ein praktischer Ausdruck von Verantwortung und Engagement für andere Menschen.
Darüber hinaus zeigt sich, dass Solidarität immer in einem Spannungsfeld existiert: zwischen individuellen moralischen Verpflichtungen und strukturellen Machtverhältnissen, zwischen kurzfristiger Unterstützung und langfristiger politischer Strategie, zwischen lokaler Wirksamkeit und globaler Aufmerksamkeit. Jede Form von Solidarität erfordert also Abwägungen und Entscheidungen – und sie kann niemals vollkommen konfliktfrei oder universell gerecht sein. Dennoch muss letzteres als Ziel richtungsweisend bleiben: Menschen sind als gesellschaftliches Kollektiv verbunden, und im Idealfall ist Solidarität ein Schritt hin zu einer sozialistischen Welt, in der universelle Gerechtigkeit möglich wird. Dadurch wird das Wohl der einen im Kontext des Wohls aller gesichert, und das Gute Leben für Alle kann Wirklichkeit werden.
Gerade in diesen Spannungen zeigt sich die politische Bedeutung internationaler Solidarität: Sie ist nie einfach, nie vollständig planbar, aber notwendig. Sie orientiert sich an grundlegenden Prinzipien wie dem völkerrechtlich verankerten Selbstbestimmungsrecht, den Menschenrechten und sozialen Rechten, die kollektive Teilhabe und Organisierung ermöglichen – geht aber darüber hinaus, indem sie Ungleichheiten, koloniale Kontinuitäten und strukturelle Machtverhältnisse kritisch hinterfragt. Solidarität heißt, Partei zu ergreifen, wo Menschen ausgegrenzt, entrechtet oder systematisch benachteiligt werden, und politische Überzeugungen nicht im Symbolischen zu belassen, sondern in konkrete Praxis umzusetzen, die tatsächliche Veränderungen bewirkt.
Denn am Ende bleibt es dabei: „Die Internationale erkämpft das Menschenrecht.“
- Klaus Wettig: «150 Jahre „Internationale“: Ein Lied erobert die Welt». In: vorwärts, 02.06.2021.
- www.genius.com: https://is.gd/TdX7pW (15.10.2025).
- Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V.: https://is.gd/2TEbY8 (20.10.2025).
- https://fpolisario.org/ (29.10.2025).
- www.die-linke.de: https://is.gd/hjr09V (12.10.2025).
- www.spd-land-bremen.de: https://is.gd/mnCsIe (14.10.2025).
- Leo Zayyad: Die EU verlängert die Besatzung. In: uz – unsere Zeit, 06.12.2024.
- www.spdfraktion.de: https://is.gd/4SosSB (14.10.2025).
- www.bundestag.de: https://is.gd/XelnHd (17.10.2025).
- www.press.un.org.: https://is.gd/ttTPDr (31.10.2025).
- Tobias Bachmann: «Das wäre Annexion – Sahraui über Westsahara-Resolution». In: taz, 2.11.2025.
- www.spdfraktion.de: https://is.gd/spRRQc (07.10.2025).
- www.gruene-bundestag.de: https://is.gd/3fYc1p (08.10.2025).
- www.die-linke.de: https://is.gd/UcAvmt (08.10.2025).