Die «militäraverse Grundhaltung»1 der bundesrepublikanischen Gesellschaft hadert mit dem geordneten Rückzug. Der Versuch ihrer Auflösung in neuerlicher Kriegserwartung und den fieberhaften Anstrengungen zur Herstellung wahlweise nationaler oder supranationaler «Verteidigungsfähigkeit», begleitet von Zeitenwende-Rhetorik und der Beschwörung geteilter Werte, ist in vollem Gange. Die Linkspartei, vorausschauend in Stellung gebracht, um die erwartbare Unzufriedenheit mit dem neuen sicherheitspolitischen Konsens aufzufangen, betont zwar bei jeder Gelegenheit diplomatische Alternativen zu Abschreckung und Aufrüstung, liefert das pflichtschuldige Bekenntnis zur Bundeswehr aber ebenso zuverlässig immer gleich mit. Unrecht erscheinen dabei einzig die Zwecke, die die Politiker der Rüstungsindustrie und dem Militärapparat zuführen, nie aber die Mittel selbst.2
Dass die politische Linke überhaupt eine Partei des Antimilitarismus und Gewaltverzichts, der Kriegsdienstverweigerung und Friedensdiplomatie sein sollte, ist keineswegs eine besonders naheliegende Verknüpfung. Es ist dem Urteil der französischen Philosophin Simone Weil (1909-1943) wohl zuzustimmen, dass «die marxistische Tradition in der Frage des Krieges weder einheitlich noch klar»3 gewesen ist, wie sie im Essay Gedanken über den Krieg von 1933 schreibt. Einigkeit habe unter Marxisten vor allem in der Weigerung bestanden, den Krieg kategorisch abzulehnen. Von diesem traditionsbeladenen Minimalkonsens weicht auch Weil nicht ab, wenn sie die Verdammung der Anwendung kriegerischer Gewalt einige Passagen darauf unter einen, im weiteren Sinne, historisch-materialistischen Vorbehalt stellt. Historisch durch die Wendung gegen einen abstrakt-allgemeinen Begriff des Krieges, der vielmehr in jeder Epoche eine besondere Form der Gewalt darstelle. Und materialistisch aufgrund ihres Beharrens auf der Notwendigkeit einer Analyse derjenigen gesellschaftlichen Verhältnisse, die der militärische Kampf «unter bestimmten technischen, ökonomischen und sozialen Bedingungen»4 impliziere, als Voraussetzung der Formulierung oder gar Lösung eines mit dem Krieg zusammenhängenden Problems. Krieg und Gewalt seien nicht anhand der mit ihnen verfolgten Zwecke, sondern anhand des spezifischen Charakters der angewandten Mittel zu beurteilen.
Gegen Mensch, Maschine und Gehorsamspflicht
Weil sieht den Soldaten analog zum Arbeiter im Kontext moderner Konkurrenzgesellschaften einer doppelten Herrschaft ausgesetzt: Er ist seinen Arbeitsinstrumenten, den Kampfmitteln, untergeordnet, über deren und seinen Einsatz diejenigen entscheiden, die nicht arbeiten bzw. kämpfen. Der wirtschaftliche Wettbewerb erfordert die fortwährende Steigerung der Ausbeutung der Arbeitskraft, die kriegerische Auseinandersetzung verlangt das endgültige Menschenopfer. Der Klassenkonflikt verlängert sich in den Bereich des Heeres, der General gleicht dem Bourgeois, der Soldat dem Proletarier. Die Subordination des Arbeiters unter die Maschine, die sich zwischen ihn und sein Arbeitsprodukt schiebt und an deren Rhythmus er sich anpassen muss, ist das Leitmotiv von Weils unorthodoxer Rezeption des Marxschen Denkens. Auf dem Schlachtfeld steigert sich das Abhängigkeitsverhältnis von Mensch und Werkzeug ins Extrem. Dass über Drohnen dieser Tage so oft in einem Tonfall gesprochen wird, der gleichsam höchste Bewunderung und äußersten Schrecken ausdrückt, ist kein Zufall. Die Rüstungsgeräte als «eigentliche Helden der modernen Kriege»5 entscheiden über Leben und Tod, Sieg oder Niederlage, sie sind der maßgebliche Faktor im Gefecht. Das wirft die Frage auf, welche sozialen Notwendigkeiten mit ihrer technischen Entwicklung verbunden sind.
Im Zentrum der Betrachtung dieses frühen Essays Weils steht nicht die kriegerische Gewalt selbst, sondern der Führungsapparat, der dem Soldaten seine Selbstständigkeit nimmt, ihn zur passiven «Manövriermasse»6 degradiert und voller Absicht in den Tod schickt. An der Fundamentalkritik staatlicher Gewaltapparate lassen sich sämtliche Versuche ihrer Verbindung mit emanzipatorischen Zielsetzungen des Widersinns überführen: «Der Revolutionskrieg ist der Tod jeder Revolution»7, «Waffen, die von einem souveränen Staatsapparat eingesetzt werden, können niemandem die Freiheit bringen»8, und die enge Verbindung zwischen Krieg und Faschismus verdeutlicht die «Absurdität eines antifaschistischen Kampfes, der sich des Krieges als Mittel der Politik bedient»9. Die eingesetzten Mittel verkehren ihre Zwecke ins Gegenteil, sie sind, was sie bekämpfen sollen.
Unruhiges Gewissen
Weils Leben wird oft als Geschichte einer zwischenzeitlich bis zur Realitätsverkennung idealistischen Pazifistin erzählt, die unter dem Eindruck konkreter Kriegsgefahr und des militärischen Zusammenbruchs Frankreichs 1940 gerade noch rechtzeitig zu Sinnen kam, um zur überzeugten Widerstandskämpferin gegen Hitler zu werden.10 Auf ausgetretenen Pfaden marschiert es sich am besten. Tatsächlich aber verwehrt sich die Vielschichtigkeit dessen, was man im Falle Weils unter die Kategorie des «Pazifismus» subsumiert, der Geradlinigkeit dieses Narrativs. Es ist die Zerrissenheit zwischen der Geltung eines pazifistischen Imperativs und der Faktizität des Krieges, die ihr Denken bewegt. Diese Problemstellung kann schwerlich unvermittelt in die immerhin stabile ideologische Position eines reinen Pazifismus unter Inkaufnahme sämtlicher realpolitischer Konsequenzen übergehen, sondern bedeutet zuerst einmal unglückliches Bewusstsein von Gerechtigkeit, Freiheit und Gnade inmitten des Gemetzels als «radikalste Form der Unterdrückung»11. Der verzweifelte Versuch, den absoluten und unentrinnbaren Zusammenhang von Krieg und Gewalt mit Unterdrückung, Ungleichheit und Erniedrigung zu durchbrechen, stiftet einen übergreifenden Zusammenhang ihrer theoretischen Entwicklung.
Im Sommer 1936 reist Weil nach Spanien aus und schließt sich kurz nach ihrer Ankunft der Kolonne Durruti, einer anarchistischen Miliz, an. In ihren ersten Tagebuchaufzeichnungen aus Barcelona wähnt sie sich im Herzen einer Revolution, in historischer Verbindung mit den Unglücklichen von 1792, 1871 und 1917. Ihre eigene kommt ohne die Dramatik und Größe der Vorbilder aus. Alles sieht noch aus wie vorher, verändert habe sich nur ein entscheidendes Detail: Die Übertragung der Autorität auf diejenigen, «die immer gehorcht haben»12. In den anderthalb Monaten, die sie in ihrem Verband verbringt, nimmt sie an einigen kleineren Expeditionen teil, gibt bei einem Luftangriff durch die Nationalisten ein paar Schüsse auf ein Flugzeug ab und erfährt nur ein einziges Mal, wie sie nachdrücklich betont, Todesangst, bis sie sich an heißem Öl verbrüht und ins Lazarett eingeliefert wird. Einen bleibenden Eindruck hinterlassen ihrem Brief an den Schriftsteller Georges Bernanos zufolge vor allem die vielen Berichte über willkürliche Exekutionen, die ihr zugetragen werden, die Leichtherzigkeit, mit der ihre Kameraden über das Töten sprechen, sowie die unüberbrückbare Distanz zwischen der bewaffneten und der unbewaffneten Bevölkerung. Desillusioniert entscheidet sie sich gegen die Rückkehr in einen «Krieg von Söldnern»13, der die anarchistischen Ideale mit Arbeitszwang, militärischem und polizeilichem Zwang besudelt.
Metaphysik der Gewalt
1940/41 verfasste Weil den Essay Die Ilias und das Poem der Gewalt, eine radikale Neuinterpretation des Gründungsdokuments der europäischen Literatur. Der Text ist durchzogen von längeren Zitaten aus der Ilias, bei deren Übersetzung sie sich einige Freiheiten zur Steigerung der Gewaltsamkeit des Originals genommen haben soll, mit dem Resultat, dass die Gewalt selbst zum wichtigsten Protagonisten des Heldenepos wird. Die Unterscheidung von Helden und Tyrannen, Starken und Schwachen, Siegern und Besiegten wird überflüssig. Alle Figuren der Dichtung eint als Subjekte der Gewalt das gemeinsame Schicksal, durch sie, wenn auch auf unterschiedliche Weise, zu Dingen gemacht zu werden. Die Unterlegenen werden entweder zu Leichen oder erstarren unter der permanenten Bedrohung tödlicher Gewalt, unfähig zu einer inneren Regung oder äußeren Handlung, die ihre neuen Herrscher zu irritieren vermag. Die Überlegenen verfallen dagegen in einen Rauschzustand, in dem sie fälschlicherweise dem Glauben erliegen, die Gewalt selbst beherrschen zu können und der jede Mäßigung ausschließt. Sie wollen «alles oder nichts»14 und überlassen ihr Schicksal dadurch dem Zufall, denn die Selbstüberschätzung trügt und was erst wie ein Sieg aussieht, ist jederzeit im Begriff, sich zur Niederlage zu wenden. Die Kämpfenden charakterisiert eine zutiefst unnatürliche doppelte Todessehnsucht, einerseits den gefallenen Gefährten im Tod beitreten und andererseits den Feind vernichten zu wollen, die sie ausschließlich zwischen Zuständen «lebloser Materie» und «bloße[m] Vorwärtsdrang»15 wechseln lässt. Mit «geometrischer Strenge»16 transformiert die Gewalt jede dem Krieg unterworfene Seele und der Gedanke an den Tod bestimmt das Bewusstsein derart, dass die ganze Zukunft nur noch als Tod denkbar ist. Krieger sind außerstande Krieg, zu beenden. Weil lobt die schonungslose und ausgewogene Darstellung der Gewalt in der Ilias, die sie auf eine Kombination von Schuldgefühl und eigener Untergangserfahrung der Griechen zurückführt. Durch die Kontrastierung der Gewalt mit verschiedenen Beispielen von Liebe und Gnade erhalte die Dichtung einen Zug von Bitternis, der ihren Verfall in Kälte und Monotonie verhindere.
Das Problem des Krieges besteht für Weil in der Frage, wie er zu navigieren ist, ohne sich von der Gewalt beherrschen zu lassen. Das Martyrium als Verabsolutierung der Gnade kommt dafür ebenso wenig in Frage wie bedingungslose Parteilichkeit. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie den Mechanismus der kriegerischen Unterdrückung so gut erklärt, dass man sich kaum vorstellen kann, wie er aufhören könnte zu funktionieren (um einen Vorwurf Weils an Marx abzuwandeln). Zeitlebens versuchte sie (in Ignoranz der von ihr selbst aufgeworfenen Problemstellung) als Agentin einer ebenso blinden wie präzisen Gerechtigkeit zu wirken, die sie zuerst in der Ilias und zuletzt im Evangelium beschrieben sieht, stets bemüht durch die Parteiergreifung für die Leidenden, bis hin zur Selbstaufopferung, verlorengegangenes Gleichgewicht wiederherzustellen. Weils aporetische Fragestellung, formuliert in äußerster Klarheit, ist unabhängig von den Antworten festzuhalten, die sie selbst darauf zu geben vermochte.
- Christoph Möllers: «Unsere Werte», in: Merkur 883, 2022.
- «DIE LINKE. stellt demgegenüber fest: Auch wir wollen, dass die Bundeswehr angemessen ausgestattet ist. […] Die Bundeswehr braucht nicht mehr Geld, sondern den Abschied ihrer politischen Führung von globalen Ambitionen, Auslandseinsätzen und Osteuropapräsenz sowie ein Ende der massiven Förderung der Profite deutscher Rüstungsschmieden.» https://is.gd/99XuJw (03.11.2025)
- Simone Weil: Krieg und Gewalt. Essays und Aufzeichnungen, Zürich 2011, S. 9.
- Ebd., 11.
- Weil 2011, 12.
- Ebd., 13.
- Ebd., 16.
- Ebd., 13.
- Ebd., 17.
- Vgl. Heinz Abosch: Simone Weil. Zur Einführung. Hamburg 1990; Wolfgang Matz: «Rückblick auf den Pazifismus», in: FAZ (2025); Marie Cabaud Meaney: «Gnadenlos. Simone Weils Kriegsverständnis im Lichte der ‹Ilias›», in: Internationale katholische Zeitschrift Communio 43, 2014.
- Weil 2011, 13.
- Ebd., 25.
- Weil 2011, 63.
- Ebd., 172.
- Ebd., 181.
- Ebd., 171.