Rezension: Ein Pazifismus ohne Gegner

Ole Nymoen: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde. Gegen die Kriegstüchtigkeit. Hamburg: Rowohlt 2025, 144 S., 16,00€.

Ole Nymoens Essay ist zugleich besser und schlechter als seine aufgeregte Rezeption nahelegt. Seine Argumente sind in sich stimmig und komplexer, als es die platte Diskussion in den Sozialen Medien vermuten lässt. Doch vor lauter Abstraktion kommt ihm der konkrete Gegenstand im Heute abhanden. Die fehlerbehaftete, längst nicht ideale Realität der liberalen Demokratie wird ihm identisch mit autoritären Systemen. Darin liegt die Schwäche dieses Buchs.

Schon im Juli 2024 machte Nymoen mit einem Artikel in der *Zeit *von sich reden.1 Direkt im Anschluss, so erinnert sich Nymoen im Dankeswort, ermunterte ihn sein Verleger, diese Gedanken weiter auszuführen. Auf gut einhundert Seiten widmet sich der Publizist (Influencer. Die Ideologie der Werbekörper, 2019 mit Wolfgang M. Schmitt) und Podcaster (Wohlstand für Alle) diesem Vorhaben. Es gelingt: Gut lesbar stellt er seine Position dar. In einer polemisch gefärbten Einleitung zeichnet Nymoen die Reaktionen auf seinen Zeit-Artikel und die gegenwärtige Debatte um die «Kriegstüchtigkeit» der Bundesrepublik nach. Die Werbekampagnen der «sogenannte[n] Parlamentsarmee» (S. 12) werden ebenso kritisiert wie die Widersprüche einer Politik, die zugleich «Demagogie gegen Erwerbsarme» (S. 17) betreibe und an das wehrhafte Kollektiv appelliere. Als Ausgangspunkt seiner Argumentation stellt Nymoen fest: «Die Unterordnung unter Staat und Kapital wird so vehement gefordert wie lange nicht mehr» (S. 15). Dem stellt sich Nymoen entgegen und versteht sich dabei zugleich als Kämpfer für die Wahrheit und für die unterdrückte Mehrheit. Diesem moralischen Anspruch folgt der Rest des Buches.

Auf knapp 90 Seiten stellt Nymoen Sinn und Unsinn des Krieges dar. Staaten seien Gebilde, die gewaltsam entstanden seien und daher immer wieder Gewalt hervorbringen müssten. Konkret beschränkt er sich auf «konventionell geführte Kriege zwischen zwei Staatsgewalten», da «diese Form der Kriegsführung die wahrscheinlichste für mich als Autor wie für Sie als Leserin und Leser ist» (S. 32). Schon diese Auswahl weist die Richtung: Auf eine Vielzahl der mit Waffengewalt geführten Konflikte treffen Nymoens Argumente bewusst nicht zu. Das ist einerseits verständlich – militärisches Vorgehen gegen koloniale Unterdrückung oder Terrorgruppen ist oft in den Grauzonen zwischen innerstaatlicher und kriegerischer Gewalt angesiedelt. Es lässt sich moralisch schwerer fassen. Andererseits versäumt Nymoen mit dieser Entscheidung auch, eine grundlegende Perspektive auf Gewalt zu formulieren. Eine Ausnahme macht Nymoen für Vernichtungskriege wie jenen des nationalsozialistischen Deutschlands. Nicht zuletzt daran wird deutlich, dass die plumpe Kritik an seinem Buch ins Leere läuft: Gegen die Nazis hätte selbst Ole Nymoen gekämpft – so schreibt er zumindest.

Zunächst zieht Nyomen sich auf eine abstrakte Perspektive zurück. In seiner Analyse erscheinen «Untertanen» stets als Werkzeuge mächtiger Staatenlenker, deren subjektive Motivation vollkommen irrelevant erscheint. Das ist nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig. Unzählige Philosophien haben in den letzten Jahrzehnten versucht, die Beziehung zwischen freien Individuen und der weltlichen Realität von Zwang und Verweigerung auszuloten. Diese Komplexität fehlt bei Nymoen, für ihn gibt es nur Lenker und Gelenkte. Damit stellt er sich argumentativ in die Reihe vulgärmarxistischer Denktraditionen.

Mit Bezügen auf den Ersten Weltkrieg und den Dreißigjährigen Krieg argumentiert Nyomen richtigerweise gegen Kriegslust und die Unterwerfung unter willkürliche Herrscher. Dabei entkräftet er linke Binsenweisheiten über den Krieg als Profitmaschine (S. 48-54). Doch diesem Pazifismus ist sein Gegner abhandengekommen. Auch ohne in eine fröhliche Hurra-Apologie des Bestehenden zu verfallen, sollte klar sein: Die soziale und rechtliche Realität in der Bundesrepublik 2025 ist eine völlig andere als im Kaiserreich oder kurz nach der Reformation. Stärker noch als in diesen historischen Beispielen macht es heute einen konkreten Unterschied, welches politische System und welche (Un-)Freiheit das Leben bestimmen.

Seine stärksten Momente hat Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde im abschließenden dritten Teil. Dort argumentiert Ole Nymoen auf Grundlage einer gegenwärtigen Analyse für die persönliche Entscheidung, sich einem möglichen Krieg zu entziehen. Doch auch in diesen Passagen ignoriert er, dass heutige Kriege nicht (allein) aufgrund nationalistischer Argumentationen geführt werden. Mit Bezug auf einen Leserbrief stellt Nymoen die freie Meinungsäußerung dem Straflager gegenüber und schreibt, er würde lieber auf die Freiheit verzichten als zu sterben. Dabei ist dieses Argument mehr als der rhetorische Kniff, als den Nymoen ihn darstellt: Die realen Missstände, die er zurecht kritisiert, verwischen nicht den fundamentalen Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur, zwischen Rechtsstaat und Willkür. Anders formuliert: Die gegenwärtige Realität ist nicht gut, aber es könnte noch sehr viel schlimmer sein.

Das aktuelle politische System «für eine veritable Lebensbedingung zu halten» (S. 46) ist nicht, wie Nymoen suggeriert, einer nationalistischen Erziehung geschuldet. Die absurde Aufteilung der Menschheit in Nationalstaaten zu kritisieren hat nichts mit der Feststellung zu tun, dass ein Mehr an Freiheit es wert ist, verteidigt zu werden. Freiheit funktioniert nicht in Absoluten, wie Ole Nymoens falsche Dichotomie nahelegt. Er argumentiert, die Verteidigung liberaler Demokratien lohne nicht, weil sie weit vom Ideal der größtmöglichen Freiheit und Solidarität entfernt seien. Die «Wertepredigten» des «Imperialismus des guten Gewissens» seien nicht mehr als «Lügenmärchen» (S. 99f.), solange Menschen in Armut und Ausbeutung lebten. Dabei ist doch beides wahr: Zum Ideal einer befreiten Gesellschaft ist der Weg unbegreiflich weit. Es gibt wenig Hoffnung, dass dieses Ideal in absehbarer Zeit verwirklicht wird. Diese Kritik Nymoens ist richtig, auch in ihrer Schärfe. Doch viele Alternativen sind noch repressiver, was Nymoen verkennt.

Dabei argumentiert er (auch) in der Logik von Haupt- und Nebenwidersprüchen: Solange das Joch von Armut und kapitalistischer Ausbeutung nicht überwunden sei, lohne der Kampf für das Bestehende nicht. Feministische Bewegungen haben schon vor Jahrzehnten gezeigt, dass diese Argumentation nicht stimmig ist: Auch nach einer zukünftigen sozialistischen Revolution werden nicht alle Probleme gelöst sein. Umgekehrt bedeutet das auch: Es reicht nicht, die Hände in den Schoß zu legen, bis die bestehende Herrschaftsordnung umgestürzt wurde. Auf dem Weg zur grundlegenden Umgestaltung der Gesellschaft gibt es auch ohne Revolution viel zu tun.

Das lässt sich auch auf den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur im Krieg anwenden. In einer Demokratie ist der autoritäre Kriegszustand eine Ausnahme auf begrenzte Zeit, deren Aufhebung eingepreist ist. Diese Aufhebung muss zu gegebener Zeit wieder politisch erkämpft werden und ist nicht selbstverständlich. In einer Diktatur hingegen ist der Autoritarismus dauerhaft und von zeitlich begrenzten Abschnitten unabhängig – sofern das autoritäre System nicht politisch gestürzt wird. Für das Individuum ist das ein Unterschied ums Ganze. Unbenommen: Es ist kein lustiger Ferienausflug, in den Krieg zu ziehen. Es ist nicht schön oder erstrebenswert, Freiheiten mit Waffengewalt zu verteidigen. Jede Person, die sich dieser Situation entziehen möchte, kann dafür sehr gute individuelle Gründe vorbringen. Als allgemeines politisches Argument taugt diese individuelle Verweigerung jedoch nicht.

Als Anregung zur Debatte – nicht zuletzt in dieser Ausgabe der *Jungen Perspektiven *– hat Ole Nymoens Essay fraglos sein Ziel erreicht. Einmal mehr wird daran deutlich, wie sehr eine zugleich emanzipatorische und differenzierte Position in der gegenwärtigen Diskussion fehlt. Wer eine solche Position in Buchform sucht, sollte allerdings lieber zu einem anderen Text greifen.

  1. Ole Nymoen: “Ich, für Deutschland kämpfen? Never!”. In: Die Zeit, 25.7.2024.