Zwischen Sicherheit und Souveränität – Der Weltraum als Austragungsort moderner Konflikte

Technischer Fortschritt und wissenschaftliche Errungenschaften sind in der Geschichte der Menschheit stets auch mit gewissen Kehrseiten verbunden gewesen. Dass die Erschließung neuer Territorien zugleich neue Austragungsorte geopolitischer Konflikte mit sich brachte, ausgestattet mit jeweils neuen Waffensystemen und Strategien, verwundert kaum. Die Entwicklung der Seefahrt führte zum Bau von Kriegsschiffen, der Beginn der Luftfahrt zum Einsatz von Jagd- und Bombenflugzeugen, und auch in der Raumfahrt zeigt sich ein ähnliches Muster. Welche Technologien und Systeme das All künftig in militärische Auseinandersetzungen einbinden werden, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten allmählich abgezeichnet und wird sich in Zukunft weiter konkretisieren. Doch schon früh wurde deutlich, dass der Weltraum politisch von erheblicher Bedeutung sein würde. Die beiden Großmächte des Kalten Krieges lieferten sich ein Wettrennen um technologische Meilensteine. Der Weltraum brachte zentrale Impulse für moderne Militäreinsätze hervor, welche ohne satellitengestützte Systeme für Kommunikation, präzise Positionsbestimmung, Navigation und Aufklärung heute undenkbar wären. Die Abhängigkeit von weltraumgestützten Infrastrukturen hat den Weltraum längst zu einem sicherheitspolitischen Schlüsselraum gemacht. Wer seine Systeme nicht selbst betreibt und schützt, verliert im Ernstfall nicht nur technologische, sondern auch politische Souveränität.

Politische Akteure in Deutschland und Europa verschlossen sich diesem Aspekt lange Zeit und konzentrierten sich überwiegend auf wissenschaftliche und zivile Bereiche der Raumfahrt. Diese Zurückhaltung führte zu erheblichen Abhängigkeiten, die nicht nur den militärischen Handlungsspielraum, sondern auch die Sicherheit alltäglicher Systeme betreffen. Wie die Dialektik zwischen wehrtechnischer Zurückhaltung und systemischer Eigenständigkeit in Zeiten globaler Konflikte aufgelöst werden kann, soll im Folgenden erörtert werden.

Technischer Fortschritt und geopolitische Folgen

Von Beginn an war der Weltraum ein Spiegel geopolitischer Machtkämpfe – von Kriegsschiffen über Jagdflugzeuge bis hin zu Satelliten. Der Weltraum bildet da keine Ausnahme: Schon früh erkannten Staaten sein strategisches Potenzial. Im Kalten Krieg wurde das All zum Symbol globaler Rivalität. Mit dem Start von Sputnik 1 begann ein technologisches Wettrennen zwischen den USA und der Sowjetunion, das militärische Nutzung, Spionagesatelliten und Antisatellitenwaffen einschloss. Zwischen 1957 und 1989 brachten beide Großmächte über 3.000 Objekte in den Orbit – drei Viertel davon zu militärischen Zwecken.1 Der Orbit wurde in wenigen Jahrzehnten zum unsichtbaren Fundament militärischer Führungs- und Einsatzfähigkeit. Europa nahm diese Entwicklung zwar wahr, entschied sich aber bewusst für einen zivilen, kooperationsorientierten Pfad und verzichtete lange auf eigene sicherheitspolitische Fähigkeiten im Weltraum. Diese Haltung entsprach der Logik der europäischen Integration und einer Politik der Entspannung – sie führte jedoch dazu, dass Europa heute in zentralen Bereichen auf externe Systeme angewiesen ist. In einer Zeit wachsender geopolitischer Unsicherheit zeigt sich, wie sehr diese historisch gewachsene Abhängigkeit die strategischen Optionen der EU und ihrer Mitgliedstaaten begrenzt.

Europas Zurückhaltung

Rückblickend haben sich Deutschland und Europa aufgrund weniger eigener Großprojekte wie dem Erdbeobachtungsprogramm Copernicus und einer stark kooperationsorientierten Raumfahrtpolitik in erhebliche Abhängigkeiten begeben. Dadurch verfügen sie nur über begrenzten Einfluss auf die Bereitstellung und Kontrolle kritischer Technologien wie Navigationssysteme, Kommunikationsinfrastrukturen oder Aufklärungskapazitäten gerade im Krisen- oder Konfliktfall. Diese Abhängigkeit wird umso bedenklicher, wenn man die geopolitische Lage und die zunehmende Unberechenbarkeit der USA als zentralem Kooperationspartner betrachtet, die lange Zeit als verlässlichster Akteur und Verbündeter galten.

Die zurückhaltende Haltung der EU-Staaten, insbesondere Deutschlands und Frankreichs, war dabei keineswegs unbegründet. Einerseits sollte damit vermieden werden, den Wettstreit zwischen den beiden Großmächten weiter anzuheizen. Die wirtschaftlichen Mittel und Ressourcen, um an der Entwicklung neuer Raketen mitzuwirken, standen den europäischen Staaten lange Zeit nur begrenzt zur Verfügung. Es lag daher nahe, eine Rolle als Dritter einzunehmen und auf Verhandlungen Einfluss zu nehmen. In der Anfangszeit gab ihnen diese Strategie recht: Zwar wurden Satelliten zunehmend zur Unterstützung militärischer Einsätze auf der Erde genutzt, doch direkte Konflikte oder Aggressionen im All selbst blieben aus. Ein sichtbares Ergebnis dieser Politik war die Installation der Internationalen Raumstation im Jahr 1998, ursprünglich als Militärstation der USA geplant, die schließlich zusammen mit Russland und 15 weiteren Staaten realisiert wurde. Bis heute ist sie das größte künstliche Objekt im Orbit und dient der Erforschung grundlegender naturwissenschaftlicher Fragestellungen sowie dem Austausch von Wissenschaftlern verschiedener Nationen. Andererseits war Europa nicht ohne Grund bereit, diese Abhängigkeit einzugehen: Geleitet von der Weite und Komplexität des Weltraums, waren viele Regierungen überzeugt, dass Fortschritte in diesem Bereich nur durch Kooperation und nicht allein erreicht werden konnten. Die europäische Raumfahrtpolitik war eng mit der frühen Idee der europäischen Integration verbunden. Die Gründung der European Space Agency im Jahr 1975 stand im Zeichen eines transnationalen Selbstverständnisses, nationale Konkurrenzen zugunsten von gemeinsamen Errungenschaften zu überwinden.2

Das größtenteils defensive Auftreten und die fehlenden wirtschaftlichen Mittel Europas haben bis zuletzt dazu beigetragen, dass wissenschaftliche Projekte ein wichtiger Faktor der Nutzung des Weltraums geblieben sind und direkte Angriffe auf Geräte im All eine Seltenheit geblieben sind.

Globale Abhängigkeiten

Wie sich jedoch die technologische Abhängigkeit sowie Abgehängtheit in einem bewaffneten Konflikt auswirken können, zeigt sich im Krieg in der Ukraine. Die Relevanz von weltraumgestützten Technologien für moderne Gesellschaften ist inzwischen so tiefgreifend, dass sie kaum noch bewusst wahrgenommen wird. Satelliten ermöglichen GPS-Navigation, Telekommunikation, Wettervorhersage, Erdbeobachtung und stützen zentrale Prozesse globaler Logistik, Finanztransaktionen oder Notfallmanagementsysteme. Ihre Präsenz durchdringt die Infrastruktur des Alltags derart, dass ein Ausfall einzelner Systeme sofort spürbare Folgen für das Leben vieler Menschen hat. Neben diesem zivilen Gebrauch werden oft dieselben Satelliten auch für militärische Zwecke genutzt. Satelliten, die für Erdbeobachtungs- oder Wetterdienste genutzt werden, können nicht nur Landwirtschaft, Transport oder Katastrophenmanagement unterstützen, sondern auch strategische Planung, Aufklärung und Zielbestimmung in Konfliktsituationen ermöglichen. Kommunikationssatelliten, die den globalen Informationsfluss sichern, können im Ernstfall für militärische Steuerung, verschlüsselte Kommunikation oder elektronische Kriegsführung eingesetzt werden.

Da die Ukraine keine eigenen Satelliten besitzt, ist sie für ihre militärischen Bodenoperationen in hohem Masse von westlichen kommerziellen Raumfahrtunternehmen abhängig. Als einen der ersten Dienste nahm die Ukraine das Satellitennetzwerk Starlink des amerikanischen Unternehmens *SpaceX *in Anspruch. Starlink gibt in Echtzeit Zugriff auf die Messengerdienste und ermöglicht den ukrainischen Kommandeuren, mit den Einheiten an der Front zu kommunizieren. Zudem liefert Starlink hochauflösende Drohnenbilder, die für die Aufklärung und für Angriffe auf feindliche Stellungen eingesetzt werden. Im Februar 2023 entschied SpaceX plötzlich, dass die Nutzung von Starlink nie als Waffe gedacht war und kündigte an, dass das Unternehmen Maßnahmen ergriffen habe, die verhindern, dass das ukrainische Militär es zur Drohnensteuerung nutzt.3 Dadurch kam es beim ukrainischen Militär an der Front und in russisch besetzten Gebieten zu erheblichen Internetausfällen. Neben der Satellitenkommunikation profitiert die Ukraine auch von den Satellitenbildern verschiedener führender Unternehmen für die Erdbeobachtung. Dazu gehörten zum Beispiel Satellitenbilder des US-Unternehmens Maxar Technologies, die den Zusammenzug des russischen Militärs entlang der ukrainischen Grenze dokumentierten.

Die Ukraine konnte die Nutzung dieses Pools verfügbarer Daten von Unternehmen und staatlichen Weltraumorganisationen weiter ausbauen. Jedoch hängt diese Unterstützung massiv von der Konfliktdynamik und vom Kontext ab. So können sich die politischen Ansichten der Unternehmen ändern und auch finanzielle Erwägungen ihre Entscheidungen beeinflussen. Neben sicherheitspolitischer Zurückhaltung hat die besondere Kostenintensität der Verbesserung von Weltraumtechnologien dazu geführt, dass heute nur wenige staatliche und unternehmerische Akteure über einen eigenständigen Zugang zum Weltraum und eigenständige Systeme verfügen. Dies lag insbesondere an hohen Produktions- sowie Entwicklungskosten und großen Ausfallrisiken. Durch die fortschreitende Technologisierung wird diese Abhängigkeit von weltraumgestützten Systemen an der Nutzung des Weltraums voraussichtlich weiter zunehmen. Da sich der Zugang zu diesen Technologien wesentlich auf den Ausgang von politischen Konflikten auf der Erde auswirkt, wird sich der Austragungsort von geopolitischen Spannungen entsprechend verlagern. Sicherheitspolitische Experten gehen davon aus, dass die Erhaltung dieser machtpolitischen Stellung zu einer weiteren Militarisierung des Weltraums etwa in Form von elektronischen und physischen Angriffen auf Satellitennetzwerke führen wird.4 Dem entgegenstehende Bestrebungen werden sich in den nächsten Jahren, gerade aufgrund der starken Kontrolle von einzelnen Akteuren, nur schwer durchsetzen können.

Eine klare Haltung

In den vergangenen Monaten konnte man dabei zusehen, wie Donald Trump und Vladimir Putin den Ton der Auseinandersetzung öffentlich und diplomatisch verändert haben. Dass Verhandlungen abgebrochen oder gar nicht erst angenommen werden, wird wohl zukünftig nicht weniger werden. Das hat dazu geführt, dass durch militärische Einsätze vermehrt geopolitische Macht austariert wurde. Es braucht deshalb eine klare Ausrichtung in der deutschen Raumfahrtpolitik. Wenn die EU-Staaten den Weltraum weiterhin vor allem als wissenschaftliches oder wirtschaftliches Projekt betrachtet, riskiert es, im geopolitischen Wettbewerb dauerhaft zum Nutzer fremder Systeme zu werden.

Bei der Höhe der in der Zukunft erforderlichen Investitionen für neue Technologien sind Kooperationen und Wissensaustausch mit der EU auf der einen Seite sowie der NATO und den USA auf der anderen Seite. Diplomatisch sollte sich die Bundesregierung weiterhin für Normen und Prinzipien verantwortungsvollen Verhaltens im All einsetzen, um Konflikte zu verhindern. Dies darf in Zukunft jedoch nicht ausschließen, dass die EU in besonders essenziellen und vulnerablen Bereichen eigene Systeme entwickelt, um im Falle eines Konfliktes nicht von Dritten abhängig zu sein.

Welche Richtung diese Entwicklungen nehmen werden, hängt maßgeblich davon ab, wie sich progressive Akteure in diesen sicherheitspolitischen Fragen positionieren. Wehrtechnische Diskussions- und Handlungsspielräume dürfen nicht mehr anderen politischen Beteiligten überlassen werden. Aus progressiver Perspektive ergibt sich daraus ein doppelter Auftrag: Einerseits braucht Europa die Fähigkeit, eigene kritische Infrastrukturen im All zu betreiben und zu schützen, um demokratische Souveränität, Resilienz und technologische Unabhängigkeit zu gewährleisten. Andererseits darf eine solche Rückgewinnung von Handlungsfähigkeit nicht in eine ungebremste Militarisierungslogik münden. Progressive Politik muss deshalb auf eine europäische Raumfahrtstrategie drängen, die Sicherheit, Kooperation und Gemeinwohlorientierung zusammenführt: durch Investitionen in öffentlich kontrollierte Satellitensysteme, durch strikte Transparenz- und Kontrollmechanismen für private Anbieter, durch gemeinsame europäische Forschungsprogramme und durch internationale Regulierungs- und Verhaltensnormen für den Weltraum. Ziel muss ein sicherer, nachhaltiger und friedlicher Orbit sein, in dem demokratische Staaten nicht erpressbar sind und in dem technologische Innovation nicht den Interessen weniger, sondern der Sicherheit und dem Wohl vieler dient. Eine progressive europäische Raumfahrtpolitik sollte auf gemeinschaftliche Souveränität setzen, nicht als Konkurrenz zwischen den Nationalstaaten, sondern als kooperatives Projekt, das Kräfte bündelt und Ressourcen effizient nutzt.

  1. Torben Schäfer, Technology and Strategy: the Changing Security Environment in Space Demands New Diplomatic and Military Answers». In: DGAPkompakt. Berlin 2019.
  2. vgl. Andrea Rotter, Geopolitik im Weltraum. In: Internationale Politik. Berlin 2022.
  3. W.J. Hennigan, The Warning. In: The New York Times. 5. Dezember 2024.
  4. Sarah Wiedemar, Neue Dimensionen der Weltraummilitarisierung. In: CSS Analysen zur Sicherheitspolitik. Zürich 2023.