Kategorie: Rezension_Bericht

  • Ein Pazifismus ohne Gegner

    Ole Nymoen: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde. Gegen die Kriegstüchtigkeit. Hamburg: Rowohlt 2025, 144 S., 16,00€.

    Ole Nymoens Essay ist zugleich besser und schlechter als seine aufgeregte Rezeption nahelegt. Seine Argumente sind in sich stimmig und komplexer, als es die platte Diskussion in den Sozialen Medien vermuten lässt. Doch vor lauter Abstraktion kommt ihm der konkrete Gegenstand im Heute abhanden. Die fehlerbehaftete, längst nicht ideale Realität der liberalen Demokratie wird ihm identisch mit autoritären Systemen. Darin liegt die Schwäche dieses Buchs.

    Schon im Juli 2024 machte Nymoen mit einem Artikel in der Zeit von sich reden.1Ole Nymoen: “Ich, für Deutschland kämpfen? Never!”. In: Die Zeit, 25.7.2024 Direkt im Anschluss, so erinnert sich Nymoen im Dankeswort, ermunterte ihn sein Verleger, diese Gedanken weiter auszuführen. Auf gut einhundert Seiten widmet sich der Publizist (Influencer. Die Ideologie der Werbekörper, 2019 mit Wolfgang M. Schmitt) und Podcaster (Wohlstand für Alle) diesem Vorhaben. Es gelingt: Gut lesbar stellt er seine Position dar. In einer polemisch gefärbten Einleitung zeichnet Nymoen die Reaktionen auf seinen Zeit-Artikel und die gegenwärtige Debatte um die «Kriegstüchtigkeit» der Bundesrepublik nach. Die Werbekampagnen der «sogenannte[n] Parlamentsarmee» (S. 12) werden ebenso kritisiert wie die Widersprüche einer Politik, die zugleich «Demagogie gegen Erwerbsarme» (S. 17) betreibe und an das wehrhafte Kollektiv appelliere. Als Ausgangspunkt seiner Argumentation stellt Nymoen fest: «Die Unterordnung unter Staat und Kapital wird so vehement gefordert wie lange nicht mehr» (S. 15). Dem stellt sich Nymoen entgegen und versteht sich dabei zugleich als Kämpfer für die Wahrheit und für die unterdrückte Mehrheit. Diesem moralischen Anspruch folgt der Rest des Buches.

    Auf knapp 90 Seiten stellt Nymoen Sinn und Unsinn des Krieges dar. Staaten seien Gebilde, die gewaltsam entstanden seien und daher immer wieder Gewalt hervorbringen müssten. Konkret beschränkt er sich auf «konventionell geführte Kriege zwischen zwei Staatsgewalten», da «diese Form der Kriegsführung die wahrscheinlichste für mich als Autor wie für Sie als Leserin und Leser ist» (S. 32). Schon diese Auswahl weist die Richtung: Auf eine Vielzahl der mit Waffengewalt geführten Konflikte treffen Nymoens Argumente bewusst nicht zu. Das ist einerseits verständlich – militärisches Vorgehen gegen koloniale Unterdrückung oder Terrorgruppen ist oft in den Grauzonen zwischen innerstaatlicher und kriegerischer Gewalt angesiedelt. Es lässt sich moralisch schwerer fassen. Andererseits versäumt Nymoen mit dieser Entscheidung auch, eine grundlegende Perspektive auf Gewalt zu formulieren. Eine Ausnahme macht Nymoen für Vernichtungskriege wie jenen des nationalsozialistischen Deutschlands. Nicht zuletzt daran wird deutlich, dass die plumpe Kritik an seinem Buch ins Leere läuft: Gegen die Nazis hätte selbst Ole Nymoen gekämpft – so schreibt er zumindest.

    Zunächst zieht Nyomen sich auf eine abstrakte Perspektive zurück. In seiner Analyse erscheinen «Untertanen» stets als Werkzeuge mächtiger Staatenlenker, deren subjektive Motivation vollkommen irrelevant erscheint. Das ist nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig. Unzählige Philosophien haben in den letzten Jahrzehnten versucht, die Beziehung zwischen freien Individuen und der weltlichen Realität von Zwang und Verweigerung auszuloten. Diese Komplexität fehlt bei Nymoen, für ihn gibt es nur Lenker und Gelenkte. Damit stellt er sich argumentativ in die Reihe vulgärmarxistischer Denktraditionen.

    Mit Bezügen auf den Ersten Weltkrieg und den Dreißigjährigen Krieg argumentiert Nyomen richtigerweise gegen Kriegslust und die Unterwerfung unter willkürliche Herrscher. Dabei entkräftet er linke Binsenweisheiten über den Krieg als Profitmaschine (S. 48-54). Doch diesem Pazifismus ist sein Gegner abhandengekommen. Auch ohne in eine fröhliche Hurra-Apologie des Bestehenden zu verfallen, sollte klar sein: Die soziale und rechtliche Realität in der Bundesrepublik 2025 ist eine völlig andere als im Kaiserreich oder kurz nach der Reformation. Stärker noch als in diesen historischen Beispielen macht es heute einen konkreten Unterschied, welches politische System und welche (Un-)Freiheit das Leben bestimmen.

    Seine stärksten Momente hat Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde im abschließenden dritten Teil. Dort argumentiert Ole Nymoen auf Grundlage einer gegenwärtigen Analyse für die persönliche Entscheidung, sich einem möglichen Krieg zu entziehen. Doch auch in diesen Passagen ignoriert er, dass heutige Kriege nicht (allein) aufgrund nationalistischer Argumentationen geführt werden. Mit Bezug auf einen Leserbrief stellt Nymoen die freie Meinungsäußerung dem Straflager gegenüber und schreibt, er würde lieber auf die Freiheit verzichten als zu sterben. Dabei ist dieses Argument mehr als der rhetorische Kniff, als den Nymoen ihn darstellt: Die realen Missstände, die er zurecht kritisiert, verwischen nicht den fundamentalen Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur, zwischen Rechtsstaat und Willkür. Anders formuliert: Die gegenwärtige Realität ist nicht gut, aber es könnte noch sehr viel schlimmer sein.

    Das aktuelle politische System «für eine veritable Lebensbedingung zu halten» (S. 46) ist nicht, wie Nymoen suggeriert, einer nationalistischen Erziehung geschuldet. Die absurde Aufteilung der Menschheit in Nationalstaaten zu kritisieren hat nichts mit der Feststellung zu tun, dass ein Mehr an Freiheit es wert ist, verteidigt zu werden. Freiheit funktioniert nicht in Absoluten, wie Ole Nymoens falsche Dichotomie nahelegt. Er argumentiert, die Verteidigung liberaler Demokratien lohne nicht, weil sie weit vom Ideal der größtmöglichen Freiheit und Solidarität entfernt seien. Die «Wertepredigten» des «Imperialismus des guten Gewissens» seien nicht mehr als «Lügenmärchen» (S. 99f.), solange Menschen in Armut und Ausbeutung lebten. Dabei ist doch beides wahr: Zum Ideal einer befreiten Gesellschaft ist der Weg unbegreiflich weit. Es gibt wenig Hoffnung, dass dieses Ideal in absehbarer Zeit verwirklicht wird. Diese Kritik Nymoens ist richtig, auch in ihrer Schärfe. Doch viele Alternativen sind noch repressiver, was Nymoen verkennt.

    Dabei argumentiert er (auch) in der Logik von Haupt- und Nebenwidersprüchen: Solange das Joch von Armut und kapitalistischer Ausbeutung nicht überwunden sei, lohne der Kampf für das Bestehende nicht. Feministische Bewegungen haben schon vor Jahrzehnten gezeigt, dass diese Argumentation nicht stimmig ist: Auch nach einer zukünftigen sozialistischen Revolution werden nicht alle Probleme gelöst sein. Umgekehrt bedeutet das auch: Es reicht nicht, die Hände in den Schoß zu legen, bis die bestehende Herrschaftsordnung umgestürzt wurde. Auf dem Weg zur grundlegenden Umgestaltung der Gesellschaft gibt es auch ohne Revolution viel zu tun.

    Das lässt sich auch auf den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur im Krieg anwenden. In einer Demokratie ist der autoritäre Kriegszustand eine Ausnahme auf begrenzte Zeit, deren Aufhebung eingepreist ist. Diese Aufhebung muss zu gegebener Zeit wieder politisch erkämpft werden und ist nicht selbstverständlich. In einer Diktatur hingegen ist der Autoritarismus dauerhaft und von zeitlich begrenzten Abschnitten unabhängig – sofern das autoritäre System nicht politisch gestürzt wird. Für das Individuum ist das ein Unterschied ums Ganze. Unbenommen: Es ist kein lustiger Ferienausflug, in den Krieg zu ziehen. Es ist nicht schön oder erstrebenswert, Freiheiten mit Waffengewalt zu verteidigen. Jede Person, die sich dieser Situation entziehen möchte, kann dafür sehr gute individuelle Gründe vorbringen. Als allgemeines politisches Argument taugt diese individuelle Verweigerung jedoch nicht.

    Als Anregung zur Debatte – nicht zuletzt in dieser Ausgabe der Jungen Perspektiven – hat Ole Nymoens Essay fraglos sein Ziel erreicht. Einmal mehr wird daran deutlich, wie sehr eine zugleich emanzipatorische und differenzierte Position in der gegenwärtigen Diskussion fehlt. Wer eine solche Position in Buchform sucht, sollte allerdings lieber zu einem anderen Text greifen.

  • Frau, Mann, Recht. 

    Rezension zu: Manon Garcia: Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess. Berlin: Suhrkamp 2025, 195 S., 20,00€. 

    Manon Garcia legt mit ihrem Buch eine überzeugende Analyse vor, in der sie gesellschaftliche Zusammenhänge nachvollziehbar miteinander verknüpft und aufzeigt, inwiefern Männlichkeit Frauen und Institutionen beeinflusst. Besonders gelungen ist dabei die Balance zwischen analytischer Distanz und inhaltlicher Nähe, wodurch sowohl kritische Perspektiven als auch die Komplexität des Themas angemessen berücksichtigt werden. 

    Die Philosophin und Professorin Manon Garcia begleitete 2024 die Prozesse um die Anklage gegen Dominique Pelicot und 50 weitere Männer unter dem Vorwurf der Vergewaltigung von Gisèle Pelicot. 2025 veröffentlichte sie ihre philosophische Auseinandersetzung mit dem Prozess unter dem Titel Vivre avec les hommes: réflexions sur le procès Pelicot bei Climats (Paris). Aus dem Französischen von Andrea Hemminger übersetzt erschien das Buch im selben Jahr auch in deutscher Sprache und wurde in die Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung aufgenommen. Die Autorin betrachtet und analysiert den Prozess und dessen Ergebnisse und versucht, die Erzählungen philosophisch zu entwirren. Dabei zeigt Garcia auf, dass es sich bei diesem Prozess nicht nur um das individuelle Schicksal von Gisèle Pelicot handelt. Sie verdeutlicht eindrücklich, inwiefern sexualisierte Gewalt das weibliche Geschlecht beeinflusst und sie als Subjekt konstituiert, wie Männlichkeit dieses Problem auslöst und welche Rolle öffentliche Institutionen in Prozessen rund um sexualisierte Gewalt spielen. Garcia macht bereits zu Beginn deutlich, dass «kein Strafverfahren […] umfassend, mächtig und effizient genug sein [wird], damit Männer aufhören zu vergewaltigen» (S. 17). 

    Die Rolle der Frau nimmt bei Garcia eine zentrale Stellung ein und kann als Ausgangspunkt ihrer Analyse verstanden werden. Bereits Gisèle Pelicot als Frau erscheint dabei als entscheidender Faktor, der ihre Erfahrungen nicht nur prägt, sondern sie überhaupt erst im Kontext gesellschaftlicher Macht- und Geschlechterverhältnisse verständlich macht. Manon Garcia zeigt von Beginn an auf, dass die Rolle der Frau bereits auf grundlegender Ebene durch gesellschaftliche und medizinische Zuschreibungen definiert wird. Schon im Bereich medizinischer Fragen werde der weibliche Körper häufig behandelt und beurteilt, ohne dass ihm ausreichend Wissen oder Verständnis entgegengebracht werde (S. 36). Weiblichkeit wird dabei nicht als neutrale oder natürliche Kategorie verstanden, sondern als etwas, das durch gesellschaftliche Praktiken und Deutungsmuster hervorgebracht wird. In diesem Zusammenhang beschreibt Garcia als zentrale weibliche Erfahrung das Bewusstsein, sich potenziell sexueller Gewalt ausgesetzt zu wissen, sich «vergewaltigbar zu wissen» (S. 178). Dieses Wissen entsteht nicht erst durch konkrete Erfahrungen, sondern wird Frauen bereits früh vermittelt. Demnach werden Frauen dazu erzogen, sich selbst als «Vor-Opfer» zu verstehen und die Möglichkeit von Gewalt stets mitzudenken. Diese Sozialisation wirke sich auf das Selbstverständnis von Frauen ebenso wie auf die gesellschaftliche Wahrnehmung weiblicher Körper aus. Frauen erscheinen in patriarchalen Strukturen demnach nicht als autonome Subjekte, sondern werden auf Rollen reduziert, die sich an männlichen Bedürfnissen orientieren. Garcia beschreibt diese Perspektive als eine Sichtweise, in der Frauen als «Objekt der Begierde, eine Muse, […] ein Spielzeug, das man zerstört» (S. 88) betrachtet werden. Die damit verbundene Objektivierung führe dazu, dass weibliche Existenz eng mit Unterordnung und Verfügbarkeit verknüpft wird. Entscheidend ist jedoch, dass Garcia die daraus resultierende «Verbindung zwischen der Unterwerfung als sozialer Norm der Weiblichkeit und der sexuellen Unterwerfung» (S. 89) nicht als naturgegeben erfasst. Vielmehr versteht sie diese Verknüpfung als Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse und damit als soziales Konstrukt einer bestimmten Idee von Weiblichkeit (S. 90). Die Unterordnung von Frauen erscheint folglich nicht als unveränderliche Realität, sondern als historisch gewachsene und kulturell reproduzierte Struktur. Aus dieser Analyse ergibt sich die Notwendigkeit anzuerkennen, dass weibliche Wahrnehmungen nicht übertrieben oder irrational sind, sondern auf realen Verhältnissen beruhen. Garcia bringt dies prägnant auf den Punkt: «Nein, du bist nicht paranoid, du kennst die Zahlen, das ist schlimmer» (S. 102). Dieser einschlägige Satz ziert auch das Backcover des Buches. 

    Aus der vorangegangenen Argumentation ergibt sich die Notwendigkeit, nicht nur die gesellschaftliche Konstruktion von Weiblichkeit, sondern ebenso die Rolle des Mannes in den Blick zu nehmen. Für Garcia reicht es nicht aus, Gewalt gegen Frauen allein aus der Perspektive weiblicher Erfahrungen zu betrachten. Vielmehr müsse analysiert werden, welche gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit Täter hervorbringen und legitimieren. Im Zusammenhang mit den Tätern hebt Garcia dabei insbesondere ihre «Normalität» (S. 54) hervor. Sie widerspricht damit dem verbreiteten Bild des Täters als Ausnahmeerscheinung oder gesellschaftlichen Außenseiters. Gewalt wird nicht von einzelnen «Monstern» ausgeübt, sondern von Männern, die häufig als unauffällig und gesellschaftlich integriert wahrgenommen werden. Manon Garcia bezieht sich dabei auf die Argumentation Arendts Begriff der Banalität des Bösen (S. 19f.) und ordnet diese Einschätzung im späteren Verlauf sehr nachvollziehbar ein (S. 55). Entsprechend betont Garcia, dass Männer aus allen sozialen Schichten Täter sein können (S. 98). Diese Beobachtung führt Garcia zu einer grundlegenderen, aber auch nicht neuen Analyse von Männlichkeit. Sie versteht bestimmte Formen männlichen Verhaltens nicht als biologisch gegeben, sondern als historisch und sozialisiert gewachsene Konstruktionen (S. 68). Männlichkeit erscheine demnach als gesellschaftlich geformtes Rollenbild, das über Normen, Erwartungen und soziale Praktiken vermittelt und reproduziert wird. In diesem Zusammenhang arbeitet Garcia Geschlechternormen heraus, die eine Hierarchisierung von Männlichkeit hervorbringen (S. 73). Diese Normen dienen dazu, eine «hierarchische soziale Ordnung aufrechtzuhalten» (S. 71), die strukturell zugunsten von Männern organisiert ist. Männlichkeit wird dabei häufig über Dominanz, Kontrolle und Abgrenzung definiert und stabilisiert dadurch bestehende Machtverhältnisse. Vor diesem Hintergrund setzt sich Garcia zugleich kritisch mit verbreiteten Erklärungsansätzen sexualisierter Gewalt auseinander. Sie dekonstruiert nachvollziehbar den Mythos, Männer müssten aufgrund vermeintlich natürlicher Bedürfnisse oder biologischer Gegebenheiten vergewaltigen (S. 77). Weder Gesetze noch Testosteron oder angebliche Triebe können für sie eine Rechtfertigung oder Erklärung für sexualisierte Gewalt darstellen. Stattdessen verweist sie auf die zentrale Bedeutung gesellschaftlicher Sozialisation und der Vorstellungen, die Männer im Laufe ihres Lebens vermittelt bekommen. Gewalt entsteht demnach nicht aus biologischer Zwangsläufigkeit, sondern innerhalb kulturell erlernter Muster. Diese Sozialisation prägt insbesondere das Verständnis von Sexualität. Garcia argumentiert, dass Sexualität häufig von Vorstellungen durchzogen ist, die Männer als aktive Jäger und Frauen als passive Beute definieren (S. 63). Solche Bilder wirken nicht isoliert, sondern werden in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kontexten vermittelt und verfestigt. Sie schreiben bestimmte Rollenbilder fort und tragen dazu bei, Macht- und Geschlechterverhältnisse immer wieder neu zu reproduzieren. Sexualität erscheint dadurch nicht als neutraler Raum individueller Begegnung, sondern als Feld, in dem gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlecht und Hierarchie wirksam werden.

    Ein weiterer aus den bisherigen Überlegungen resultierender und im Prozess um Gisèle Pelicot besonders deutlich werdender Aspekt ist die Rolle öffentlicher Institutionen. Garcia zeigt, dass sexualisierte Gewalt nicht nur durch individuelle Täter ermöglicht wird, sondern auch durch institutionelle Strukturen begünstigt und aufrechterhalten werden kann. Polizei, Justiz und Rechtssystem erscheinen dabei nicht als neutrale Instanzen, sondern als von gesellschaftlichen Machtverhältnissen und patriarchalen Vorstellungen geprägt. Ein grundlegendes Problem sieht Garcia darin, dass Anschuldigungen sexualisierter Gewalt häufig nicht ernst genommen und nicht angemessen behandelt werden (S. 23). Individuelle Vorstellungen von Polizisten oder Staatsbediensteten würden auf Betroffene übertragen (S. 25). Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Aussagen von Opfern angezweifelt werden, wenn die zuständigen Personen selbst patriarchale Denkmuster verinnerlicht haben. Daraus ergibt sich ein weiteres Problem: Das fehlende Vertrauen in Männer und Institutionen führt dazu, dass viele Opfer ihre Täter nicht anzeigen (S. 63). Zusätzlich verweist Garcia auf Ressourcenmangel innerhalb der Institutionen, der eine angemessene und würdevolle Bearbeitung von Verfahren erschwere (S. 111). Besonders kritisch betrachtet sie zudem die rechtliche Grundlage von Zustimmung. So sei die «gesetzliche Konzeption der Zustimmung so passiv, so sexistisch, dass bei dem Einvernehmen so wenig Beteiligung der Frau erwartet wird, dass eine Tote zustimmen könnte» (S. 128). Damit kritisiert Garcia ein Rechtsverständnis, das weibliche Handlungsmacht nur unzureichend berücksichtigt. Am Fall Gisèle Pelicot zeigt Garcia zudem die Ungleichheiten innerhalb juristischer Verfahren auf. Pelicot sei gebildet genug und entspreche dem Bild eines «guten Opfers», wodurch sie medial sichtbar werde (S. 156). Daraus ergibt sich die Frage, was mit Frauen geschieht, die nicht in diese gesellschaftlichen Vorstellungen passen (S. 159). Gleichzeitig arbeitet Garcia die Gefahr einer «sekundäre Viktimisierung» (S. 158) heraus, die durch den Umgang der Verteidigung und institutionelle Prozesse entstehen kann. Schließlich verweist Garcia auf die Grenzen des Strafrechts. Die verhängten Strafen seien teilweise unverhältnismäßig (S. 105), was sie darauf zurückführt, dass «Strafrecht […] als ein subsidiäres Recht konzipiert» ist (S. 107). Daher kommt sie zu dem Schluss, «dass der Strafprozess niemals die Lösung, die einzige Lösung sein wird, um dem Patriarchat […] ein Ende zu setzen» (S. 119). Das Problem liege somit nicht nur in einzelnen Verfahren, sondern bereits in den grundlegenden Strukturen des Rechts selbst.

    Abschließend lässt sich festhalten, dass Garcia insbesondere die Bedeutung sozialer Bewegungen als zentrale Auslöser gesellschaftlicher Veränderungen hervorhebt. Juristische Reformen erkennt sie zwar ebenfalls als notwendig an, stuft deren Bedeutung jedoch eher nachrangig ein (S. 111). Vor diesem Hintergrund erscheint ihre Einschätzung, dass «das Problem […] weder ein rechtliches noch ein juristisches» (S. 29) ist, im Rahmen ihrer Argumentation grundsätzlich nachvollziehbar. Gleichzeitig scheint diese Einordnung jedoch die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen und rechtlichen Veränderungen etwas zu unterschätzen. Gerade soziale Bewegungen, öffentliche Debatten und rechtliche Reformen beeinflussen sich gegenseitig und stehen in einem wechselseitigen Verhältnis. Garcia erkennt selbst an, dass «Normen Zeit brauchen, um sich weiterzuentwickeln» (S. 71). Veränderungen entstehen demnach nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel unterschiedlicher gesellschaftlicher Prozesse. Besonders überzeugend ist dabei die Art und Weise, wie Garcia verschiedene Faktoren miteinander verknüpft und in einen größeren Zusammenhang einordnet. Ihre Analyse macht deutlich, dass Gewalt, Geschlechterrollen und institutionelle Strukturen nicht getrennt voneinander betrachtet werden können, sondern sich gegenseitig bedingen und verstärken. An einigen Stellen hätte die Argumentation jedoch noch weitergeführt werden können. So eröffnet die Betrachtung Gisèle Pelicots als «perfektes Opfer» wichtige Fragen nach Sichtbarkeit, gesellschaftlicher Anerkennung und Ausschlüssen, aus denen sich zusätzliche Konsequenzen hätten ableiten lassen. Insgesamt gelingt Garcia jedoch eine differenzierte und überzeugende Analyse. Sie wahrt eine angenehme Balance zwischen Nähe und analytischer Distanz, ohne dabei kritische Perspektiven auszuklammern. Weder verfällt sie in eine unreflektierte Heroisierung noch in eine pauschale Kritik, sondern ordnet Positionen respektvoll und nachvollziehbar ein. Gerade diese reflektierte Herangehensweise macht ihre Analyse besonders überzeugend und begreiflich. Zugleich verdeutlicht Garcia, welche Bedeutung Geschlecht und institutionelle Strukturen im Diskurs über sexuelle Gewalt zukommt und wie sie zu deren Begünstigung beitragen.

  • Zwischen Verstehen und Verhindern – Rezension zum Band »Was war Faschismustheorie«

    Rezension zu: Morten Paul (Hg.): Was war Faschismustheorie. Berlin: Verbrecherverlag 2026, 432., ab 20,00 € oder digital als Open-Access-Buch

    Im Mai dieses Jahres tobt zwischen den Seiten der deutschen Zeitungen eine Auseinandersetzung darum, was denn nun Faschismus oder zumindest der neue Faschismus sei und ob man überhaupt etwas gewinnt, wenn man nach ihm fragt oder ob die Frage nicht besser hinter dem Handeln gegen das, was auch immer da aufzieht, zurückgestellt werden sollte.1Vgl. dazu Jan Philipp Reemtsma, «Trump und die USA: Woher kommt die Lust am Faschismus-Vorwurf?». In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Mai 2026; Robin Celikates / Rahel Jaeggi, «Faschismusdebatte: Wie Demokratien zu menschenfeindlichen Regimen werden». In: Die Zeit, 11. Mai 2026; Alex Demirović, «Von Faschismus reden?». In: nd-aktuell.de, 19. Mai 2026; Carolin Amlinger / Oliver Nachtwey, «Ist das Faschismus in neuen Formen?». In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Mai 2026.

    Nicht ohne Grund stellte der Verbrecherverlag die Neuerscheinung von Was war Faschismustheorie selbst auf Bluesky in den Kontext dieser Debatte,2Verbrecher Verlag, „Was ist Faschismus? Haben wir ihn schon? Im Feuilleton tobt gerade eine ziemlich heftig geführte Debatte über den Begriff. Wir empfehlen…“, Post, Bluesky, 27. Mai 2026, https://bsky.app/profile/verbrecherverlag.bsky.social/post/3mmtl4cpma22b. fragt der Band doch gerade nach dem Verhältnis von «Verstehen und Verhindern» (9) in der Faschismustheorie. Dabei geht Was war Faschismustheorie auf eine Tagung am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen 2024 zurück, auf der die Frage der Feuilleton-Debatte nach »Was war Faschismus« auf die Frage nach der Gattung der Faschismustheorie verschoben wurde. Dabei, so Morten Paul in seinem Beitrag, fällt der Blick nicht mehr nur auf den Gegenstand, sondern auch «auf die Produktions- und Rezeptionszusammenhänge der Faschismustheorie.» (48)

    Was war Faschismustheorie geht dieser Perspektive auf über 400 Seiten in 4 Rubriken und einem Gespräch nach. Die erste Rubrik mit dem Titel Faschismustheoriegeschichte schreiben befasst sich dabei genau mit der Frage nach der Faschismustheorie als Textgattung. Hier sticht insbesondere der Forschungsaufriss Morten Pauls heraus, der mit knapp über 90 Seiten mit Abstand der ausführlichste Text des Bandes ist. Die zweite Rubrik unter dem Titel Den faschistischen Aufstieg theoretisieren geht dem Schreiben von Zeitgenoss*innen des Aufstiegs faschistischer Regime im 20. Jahrhundert nach. Dabei wird nicht nur auf die Theorie als solche rekurriert, sondern sie wird in den Kontext ihres Entstehens gesetzt. Der dritte Teil des Bandes versammelt unter dem Titel Faschismustheorie – Auch eine Geschichte der BRD Texte, die sich mit dem Kontext und den Strategien der Frage nach – und dem Vorwurf von – Faschismus in der BRD auseinandersetzen. Ein Gespräch zwischen Alex Demirović, Luce deLire, Morten Paul und Tatjana Söding leitet dann über zur vierten Rubrik, die die Gegenwart faschismustheoretisch erschliessen will.

    Vorneweg möchte ich das Buch allen empfehlen, die sich nicht einfach nur für die «ist es, oder ist es nicht Faschismus»-Debatte interessieren. Was sämtliche Autor*innen schaffen, ist, nicht nur einen Überblick über die Theoretisierung des Faschismus zu geben, sondern auch den Blick dafür zu schärfen, dass es sich dabei um eine Gattung handelt, die «aufgrund der Gewalttätigkeit des Faschismus mit besonderer Dringlichkeit» (43) geschrieben wurde und wird.3Diese Dringlichkeit kommt in aktuellen Beiträgen zumindest derjenigen, die von Faschismus sprechen, immer wieder durch. Vgl. dazu bspw. Alberto Toscano, Spätfaschismus: Rassismus, Kapitalismus und autoritäre Krisenpolitik. Münster 2025; Eva von Redecker, Dieser Drang nach Härte: über den neuen Faschismus. Frankfurt am Main 2026. Ich möchte folgend versuchen, ein paar Punkte, die ich aus dem Band mitnehme, herauszuarbeiten, auch wenn ich damit mit Sicherheit nicht allen Autor*innen, Texten und Themen gerecht werde.

    Verstehen und Verhindern

    Sowohl Fernando Esposito (23) als auch Morten Paul (49 f.) weisen darauf hin, dass die Gattung Faschismustheorie das Produkt einer Sammlungsbewegung von Texten ist, die in den 50/60er Jahren begann. Zwar hatte Walter Benjamin bereits in den 30er Jahren eine Rezension mit «Theorien des deutschen Faschismus» überschrieben,4GS III, 238-250. doch das «Kompositum Faschismustheorie, […] tauche – zunächst mit einem Bindestrich gebildet – erstmals in der Zeitschrift Das Argument auf» (23).

    Die Texte, die in den 50er und 60er Jahren eingesammelt wurden, werden von Paul als «Gebrauchstexte» charakterisiert, die «in der Regel mit konkreten politischen Zielen verfasst worden waren.» (52) Als Interventionen in den eigenen Alltag, der sich durch den aufziehenden Faschismus immer mehr zu verfinstern drohte, schrieben diese Autor*innen für Paul in der doppelten Absicht des Verhinderns und des Verstehens gleichermaßen. Caroline Adler beschreibt bspw. Walter Benjamins «kleinen Artike[l], Interviews oder Rezensionen« als »[V]ersuch[e] Benjamin[s], in die Debatten seiner Zeit zu intervenieren.» (159)

    In die Texte, die als Intervention und mit der Absicht, den Faschismus zu verhindern, geschrieben wurden, kommt jedoch in dem Moment eine Spannung, in dem das Verhindern scheitert (53 f.). So sieht sich Simone Weil – laut Elena Stingl – auf ihrer Deutschlandreise 1932 mit einem anderen Deutschland konfrontiert, als sie es sich laut ihrer marxistisch-trotzkistischen Analyse ausgemalt hatte. Statt in das «Epizentrum eines Schicksalkampfes» (182) von Antifaschist*innen gegen den Faschismus zu reisen, bleibt Weil nichts anderes übrig, als über die «‹unbewussten› Arbeiter*innen in der Hitlerbewegung» (189) zu schreiben.

    Die Verbindung von Verstehen und Verhindern setzt sich – in komplizierterer Form – auch in der BRD fort. Im Kontext der post-nazistischen Gesellschaft und gerade der Bewegungen der 68er Jahre wurde die Faschismustheorie zu einem Ort, an dem die Gesellschaft ihr «Selbstbild verhandelte» und auch weiterhin «auf der Nützlichkeit des Begriffs beharrte und ihn auf die Gegenwart wendet[e].» (70) In den 70er Jahren wandelte sich sowohl der Theoriekanon, mit dem der Faschismus analysiert wurde, als auch, so Paul, mit Ende der 70er Jahre der Ort, an dem die Faschismustheorie stattfand. Sie wechselte entweder in die kleiner werdende linke Subkultur oder die Universität (82).

    Wenden wir uns heute – so wie in der eingangs erwähnten Debatte – autoritären Momenten in unserem eigenen Alltag zu, kommt auch hier das Verhältnis von Verstehen und Verhindern auf. Alle Autor*innen der oben angesprochenen Debatte argumentieren gerade damit, dass es darauf ankommt, das, was da kommen mag, zu verhindern. Wie vor knapp 100 Jahren müssen wir uns der Spannung, die zwischen einem Vorschlag zum Verstehen und dem Scheitern des Verhinderns besteht, gewahr sein. Dazu gehört auch, die Frage nach dem Ort der Theorieproduktion und ihrer Rezeption zu stellen.

    Den Blick dahinter wagen

    Laut Frederike Sigler geht es der Künstlerin Henrike Neumann in ihrer Darstellung der faschistischen Ästhetik «um die Summe der Teile, das Zusammenwirken der Objekte als Ensemble und somit um eine Verschiebung des faschistischen Gehalts weg von einzelnen Objekten und einzelnen Stilen» (395). Diese Verschiebung kann ich in vielen der Texte in Was war Faschismustheorie wiedererkennen.

    In ihnen geht es nicht darum, was aktuelle Bewegungen sein, machen und haben müssen, um als faschistisch zu gelten.5Man muss hier generell einmal einen Einspruch erheben. Wer aus der Vergangenheit, hier den vergangenen faschistischen Bewegungen, einen klaren Begriff von dem erhalten will, was Faschismus ist, der wird daran zwangsweise scheitern. Man kann hier nur auf Walter Benjamin verweisen, der deutlich gemacht hat, dass jede Geschichte einem doppelten Zeitindex unterliegt. Zum einen der Vergangenheit, aber auch grundlegend der Gegenwart. Das, was wir heute am Faschismus der Vergangenheit erkennen können, ist etwas anderes, als das, was in den 60er Jahren dazu erkannt wurde. Geschichte ist nicht abgeschlossen, sie bleibt weiter veränderlich, und damit bleibt jede Checkliste gegenüber der Geschichte prekär. Fernando Esposito macht deutlich, dass der Blick hinter den Faschismus, also der Blick auf den ihn ermöglichenden Kontext, von Beginn an Teil der Faschismustheorie war. Er rekonstruiert anhand zweier Werkkomplexe und Momenten, wie die Kritik und Analyse des Faschismus immer auch Kritik und Analyse der Aufklärung und der Moderne war. Sowohl für die von ihm untersuchte Dialektik der Aufklärung (1944) Adorno und Horkheimers, als auch für Zygmunt Bauman ist der Faschismus und der Holocaust nicht «eine Rückkehr der Barbarei oder Pathologie der Moderne [oder] Folge des Scheiterns des Zivilisationsprozesses» (29), sondern ihre Konsequenz.

    Auch wenn Esposito die – an die Sentenz Horkheimers angelehnte – Frage: «Worüber sollten wir heute eigentlich reden, wenn wir vom Faschismus nicht schweigen wollen?» (19) unbeantwortet lässt, geben uns gerade die Texte Hinweise darauf, wo wir nach der Antwort suchen könnten, die in der vierten Rubrik näher an die Gegenwart heranrücken.

    Frank Engster rezipiert bspw. Furio Jesis mythologische Maschine (345 f.). Er beschreibt, wie der Faschismus sich den Mythos und die Art und Weise des Umgangs mit diesem durch die bürgerliche Moderne zunutze macht, um leere Dinge wie den «Juden» des Antisemiten oder den «Ausländer» des Rassisten zu erschaffen. Philipp Schönthaler setzt sich mit Roland Barthes Verständnis der Sprache als «einfach faschistisch» (360) auseinander. Hier verbinden sich im Sprechen die Teilhabe am Herrschenden – der Sprache als «klassifikatorische Ordnungsmacht» (371) – durch das Wiederholen der herrschenden Sprache mit dem Zwang, diese zu benutzen. Zum Schluss weist Mona Leinung noch in Anschluss an Adorno und McLuhan auf die «Krise des Aisthetischen: einer Krise, in der Wahrnehmung nicht mehr als tastende, reflexive Annäherung an die Welt verstanden wird, sondern als unmittelbare, Reaktion auf Reizangebote» (412) hin, die durch die neuen digitalen Medien ausgelöst wurde und ein kritisches Verhältnis zur Welt kaum noch möglich zu machen scheint.

    All diese Ansätze können erhellen, welche Momente der Gegenwart – damals wie heute – von Faschist*innen zum fascio (dem Bund) zusammengefasst werden. Zentral scheint dabei nicht so sehr zu sein, was zusammengenommen wird, sondern durch welche Logik der Bund geschnürt wurde und welche Objekte sich dieser Logik beugen können.

    Was war Faschismustheorie ist ein gelungener Band. Die Publikation im Verbrecherverlag und die immer wieder reflektierte Gegenwart machen ihn nicht nur zu einem Buch für Theoriehistoriker*innen. Der Ort der Publikation und sein digitales Erscheinen als Open Access machen den Band selbst zu einem Anwärter auf den Titel Gebrauchstext. Die Texte sind jedoch oft durch ihren doppelten Fokus auf Theorie und ihren Kontext, zusammen mit den Zwängen des begrenzten Platzes – denen sich nur Morten Pauls Beitrag entzieht –, dann am gewinnbringendsten, wenn ein gewisses Wissen über die behandelte Theorie und den Kontext existiert. Gleichzeitig sind es gerade diese Überforderungen beim Lesen, die zum Weiterlesen motivieren.