Rezension zu: Manon Garcia: Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess. Berlin: Suhrkamp 2025, 195 S., 20,00€.
Manon Garcia legt mit ihrem Buch eine überzeugende Analyse vor, in der sie gesellschaftliche Zusammenhänge nachvollziehbar miteinander verknüpft und aufzeigt, inwiefern Männlichkeit Frauen und Institutionen beeinflusst. Besonders gelungen ist dabei die Balance zwischen analytischer Distanz und inhaltlicher Nähe, wodurch sowohl kritische Perspektiven als auch die Komplexität des Themas angemessen berücksichtigt werden.
Die Philosophin und Professorin Manon Garcia begleitete 2024 die Prozesse um die Anklage gegen Dominique Pelicot und 50 weitere Männer unter dem Vorwurf der Vergewaltigung von Gisèle Pelicot. 2025 veröffentlichte sie ihre philosophische Auseinandersetzung mit dem Prozess unter dem Titel Vivre avec les hommes: réflexions sur le procès Pelicot bei Climats (Paris). Aus dem Französischen von Andrea Hemminger übersetzt erschien das Buch im selben Jahr auch in deutscher Sprache und wurde in die Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung aufgenommen. Die Autorin betrachtet und analysiert den Prozess und dessen Ergebnisse und versucht, die Erzählungen philosophisch zu entwirren. Dabei zeigt Garcia auf, dass es sich bei diesem Prozess nicht nur um das individuelle Schicksal von Gisèle Pelicot handelt. Sie verdeutlicht eindrücklich, inwiefern sexualisierte Gewalt das weibliche Geschlecht beeinflusst und sie als Subjekt konstituiert, wie Männlichkeit dieses Problem auslöst und welche Rolle öffentliche Institutionen in Prozessen rund um sexualisierte Gewalt spielen. Garcia macht bereits zu Beginn deutlich, dass «kein Strafverfahren […] umfassend, mächtig und effizient genug sein [wird], damit Männer aufhören zu vergewaltigen» (S. 17).
Die Rolle der Frau nimmt bei Garcia eine zentrale Stellung ein und kann als Ausgangspunkt ihrer Analyse verstanden werden. Bereits Gisèle Pelicot als Frau erscheint dabei als entscheidender Faktor, der ihre Erfahrungen nicht nur prägt, sondern sie überhaupt erst im Kontext gesellschaftlicher Macht- und Geschlechterverhältnisse verständlich macht. Manon Garcia zeigt von Beginn an auf, dass die Rolle der Frau bereits auf grundlegender Ebene durch gesellschaftliche und medizinische Zuschreibungen definiert wird. Schon im Bereich medizinischer Fragen werde der weibliche Körper häufig behandelt und beurteilt, ohne dass ihm ausreichend Wissen oder Verständnis entgegengebracht werde (S. 36). Weiblichkeit wird dabei nicht als neutrale oder natürliche Kategorie verstanden, sondern als etwas, das durch gesellschaftliche Praktiken und Deutungsmuster hervorgebracht wird. In diesem Zusammenhang beschreibt Garcia als zentrale weibliche Erfahrung das Bewusstsein, sich potenziell sexueller Gewalt ausgesetzt zu wissen, sich «vergewaltigbar zu wissen» (S. 178). Dieses Wissen entsteht nicht erst durch konkrete Erfahrungen, sondern wird Frauen bereits früh vermittelt. Demnach werden Frauen dazu erzogen, sich selbst als «Vor-Opfer» zu verstehen und die Möglichkeit von Gewalt stets mitzudenken. Diese Sozialisation wirke sich auf das Selbstverständnis von Frauen ebenso wie auf die gesellschaftliche Wahrnehmung weiblicher Körper aus. Frauen erscheinen in patriarchalen Strukturen demnach nicht als autonome Subjekte, sondern werden auf Rollen reduziert, die sich an männlichen Bedürfnissen orientieren. Garcia beschreibt diese Perspektive als eine Sichtweise, in der Frauen als «Objekt der Begierde, eine Muse, […] ein Spielzeug, das man zerstört» (S. 88) betrachtet werden. Die damit verbundene Objektivierung führe dazu, dass weibliche Existenz eng mit Unterordnung und Verfügbarkeit verknüpft wird. Entscheidend ist jedoch, dass Garcia die daraus resultierende «Verbindung zwischen der Unterwerfung als sozialer Norm der Weiblichkeit und der sexuellen Unterwerfung» (S. 89) nicht als naturgegeben erfasst. Vielmehr versteht sie diese Verknüpfung als Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse und damit als soziales Konstrukt einer bestimmten Idee von Weiblichkeit (S. 90). Die Unterordnung von Frauen erscheint folglich nicht als unveränderliche Realität, sondern als historisch gewachsene und kulturell reproduzierte Struktur. Aus dieser Analyse ergibt sich die Notwendigkeit anzuerkennen, dass weibliche Wahrnehmungen nicht übertrieben oder irrational sind, sondern auf realen Verhältnissen beruhen. Garcia bringt dies prägnant auf den Punkt: «Nein, du bist nicht paranoid, du kennst die Zahlen, das ist schlimmer» (S. 102). Dieser einschlägige Satz ziert auch das Backcover des Buches.
Aus der vorangegangenen Argumentation ergibt sich die Notwendigkeit, nicht nur die gesellschaftliche Konstruktion von Weiblichkeit, sondern ebenso die Rolle des Mannes in den Blick zu nehmen. Für Garcia reicht es nicht aus, Gewalt gegen Frauen allein aus der Perspektive weiblicher Erfahrungen zu betrachten. Vielmehr müsse analysiert werden, welche gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit Täter hervorbringen und legitimieren. Im Zusammenhang mit den Tätern hebt Garcia dabei insbesondere ihre «Normalität» (S. 54) hervor. Sie widerspricht damit dem verbreiteten Bild des Täters als Ausnahmeerscheinung oder gesellschaftlichen Außenseiters. Gewalt wird nicht von einzelnen «Monstern» ausgeübt, sondern von Männern, die häufig als unauffällig und gesellschaftlich integriert wahrgenommen werden. Manon Garcia bezieht sich dabei auf die Argumentation Arendts Begriff der Banalität des Bösen (S. 19f.) und ordnet diese Einschätzung im späteren Verlauf sehr nachvollziehbar ein (S. 55). Entsprechend betont Garcia, dass Männer aus allen sozialen Schichten Täter sein können (S. 98). Diese Beobachtung führt Garcia zu einer grundlegenderen, aber auch nicht neuen Analyse von Männlichkeit. Sie versteht bestimmte Formen männlichen Verhaltens nicht als biologisch gegeben, sondern als historisch und sozialisiert gewachsene Konstruktionen (S. 68). Männlichkeit erscheine demnach als gesellschaftlich geformtes Rollenbild, das über Normen, Erwartungen und soziale Praktiken vermittelt und reproduziert wird. In diesem Zusammenhang arbeitet Garcia Geschlechternormen heraus, die eine Hierarchisierung von Männlichkeit hervorbringen (S. 73). Diese Normen dienen dazu, eine «hierarchische soziale Ordnung aufrechtzuhalten» (S. 71), die strukturell zugunsten von Männern organisiert ist. Männlichkeit wird dabei häufig über Dominanz, Kontrolle und Abgrenzung definiert und stabilisiert dadurch bestehende Machtverhältnisse. Vor diesem Hintergrund setzt sich Garcia zugleich kritisch mit verbreiteten Erklärungsansätzen sexualisierter Gewalt auseinander. Sie dekonstruiert nachvollziehbar den Mythos, Männer müssten aufgrund vermeintlich natürlicher Bedürfnisse oder biologischer Gegebenheiten vergewaltigen (S. 77). Weder Gesetze noch Testosteron oder angebliche Triebe können für sie eine Rechtfertigung oder Erklärung für sexualisierte Gewalt darstellen. Stattdessen verweist sie auf die zentrale Bedeutung gesellschaftlicher Sozialisation und der Vorstellungen, die Männer im Laufe ihres Lebens vermittelt bekommen. Gewalt entsteht demnach nicht aus biologischer Zwangsläufigkeit, sondern innerhalb kulturell erlernter Muster. Diese Sozialisation prägt insbesondere das Verständnis von Sexualität. Garcia argumentiert, dass Sexualität häufig von Vorstellungen durchzogen ist, die Männer als aktive Jäger und Frauen als passive Beute definieren (S. 63). Solche Bilder wirken nicht isoliert, sondern werden in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kontexten vermittelt und verfestigt. Sie schreiben bestimmte Rollenbilder fort und tragen dazu bei, Macht- und Geschlechterverhältnisse immer wieder neu zu reproduzieren. Sexualität erscheint dadurch nicht als neutraler Raum individueller Begegnung, sondern als Feld, in dem gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlecht und Hierarchie wirksam werden.
Ein weiterer aus den bisherigen Überlegungen resultierender und im Prozess um Gisèle Pelicot besonders deutlich werdender Aspekt ist die Rolle öffentlicher Institutionen. Garcia zeigt, dass sexualisierte Gewalt nicht nur durch individuelle Täter ermöglicht wird, sondern auch durch institutionelle Strukturen begünstigt und aufrechterhalten werden kann. Polizei, Justiz und Rechtssystem erscheinen dabei nicht als neutrale Instanzen, sondern als von gesellschaftlichen Machtverhältnissen und patriarchalen Vorstellungen geprägt. Ein grundlegendes Problem sieht Garcia darin, dass Anschuldigungen sexualisierter Gewalt häufig nicht ernst genommen und nicht angemessen behandelt werden (S. 23). Individuelle Vorstellungen von Polizisten oder Staatsbediensteten würden auf Betroffene übertragen (S. 25). Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Aussagen von Opfern angezweifelt werden, wenn die zuständigen Personen selbst patriarchale Denkmuster verinnerlicht haben. Daraus ergibt sich ein weiteres Problem: Das fehlende Vertrauen in Männer und Institutionen führt dazu, dass viele Opfer ihre Täter nicht anzeigen (S. 63). Zusätzlich verweist Garcia auf Ressourcenmangel innerhalb der Institutionen, der eine angemessene und würdevolle Bearbeitung von Verfahren erschwere (S. 111). Besonders kritisch betrachtet sie zudem die rechtliche Grundlage von Zustimmung. So sei die «gesetzliche Konzeption der Zustimmung so passiv, so sexistisch, dass bei dem Einvernehmen so wenig Beteiligung der Frau erwartet wird, dass eine Tote zustimmen könnte» (S. 128). Damit kritisiert Garcia ein Rechtsverständnis, das weibliche Handlungsmacht nur unzureichend berücksichtigt. Am Fall Gisèle Pelicot zeigt Garcia zudem die Ungleichheiten innerhalb juristischer Verfahren auf. Pelicot sei gebildet genug und entspreche dem Bild eines «guten Opfers», wodurch sie medial sichtbar werde (S. 156). Daraus ergibt sich die Frage, was mit Frauen geschieht, die nicht in diese gesellschaftlichen Vorstellungen passen (S. 159). Gleichzeitig arbeitet Garcia die Gefahr einer «sekundäre Viktimisierung» (S. 158) heraus, die durch den Umgang der Verteidigung und institutionelle Prozesse entstehen kann. Schließlich verweist Garcia auf die Grenzen des Strafrechts. Die verhängten Strafen seien teilweise unverhältnismäßig (S. 105), was sie darauf zurückführt, dass «Strafrecht […] als ein subsidiäres Recht konzipiert» ist (S. 107). Daher kommt sie zu dem Schluss, «dass der Strafprozess niemals die Lösung, die einzige Lösung sein wird, um dem Patriarchat […] ein Ende zu setzen» (S. 119). Das Problem liege somit nicht nur in einzelnen Verfahren, sondern bereits in den grundlegenden Strukturen des Rechts selbst.
Abschließend lässt sich festhalten, dass Garcia insbesondere die Bedeutung sozialer Bewegungen als zentrale Auslöser gesellschaftlicher Veränderungen hervorhebt. Juristische Reformen erkennt sie zwar ebenfalls als notwendig an, stuft deren Bedeutung jedoch eher nachrangig ein (S. 111). Vor diesem Hintergrund erscheint ihre Einschätzung, dass «das Problem […] weder ein rechtliches noch ein juristisches» (S. 29) ist, im Rahmen ihrer Argumentation grundsätzlich nachvollziehbar. Gleichzeitig scheint diese Einordnung jedoch die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen und rechtlichen Veränderungen etwas zu unterschätzen. Gerade soziale Bewegungen, öffentliche Debatten und rechtliche Reformen beeinflussen sich gegenseitig und stehen in einem wechselseitigen Verhältnis. Garcia erkennt selbst an, dass «Normen Zeit brauchen, um sich weiterzuentwickeln» (S. 71). Veränderungen entstehen demnach nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel unterschiedlicher gesellschaftlicher Prozesse. Besonders überzeugend ist dabei die Art und Weise, wie Garcia verschiedene Faktoren miteinander verknüpft und in einen größeren Zusammenhang einordnet. Ihre Analyse macht deutlich, dass Gewalt, Geschlechterrollen und institutionelle Strukturen nicht getrennt voneinander betrachtet werden können, sondern sich gegenseitig bedingen und verstärken. An einigen Stellen hätte die Argumentation jedoch noch weitergeführt werden können. So eröffnet die Betrachtung Gisèle Pelicots als «perfektes Opfer» wichtige Fragen nach Sichtbarkeit, gesellschaftlicher Anerkennung und Ausschlüssen, aus denen sich zusätzliche Konsequenzen hätten ableiten lassen. Insgesamt gelingt Garcia jedoch eine differenzierte und überzeugende Analyse. Sie wahrt eine angenehme Balance zwischen Nähe und analytischer Distanz, ohne dabei kritische Perspektiven auszuklammern. Weder verfällt sie in eine unreflektierte Heroisierung noch in eine pauschale Kritik, sondern ordnet Positionen respektvoll und nachvollziehbar ein. Gerade diese reflektierte Herangehensweise macht ihre Analyse besonders überzeugend und begreiflich. Zugleich verdeutlicht Garcia, welche Bedeutung Geschlecht und institutionelle Strukturen im Diskurs über sexuelle Gewalt zukommt und wie sie zu deren Begünstigung beitragen.
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