Aus dem Englischen übersetzt von Carl Julius Reim
Als der britische König Charles I. 1649 vor Gericht stand, tadelte ihn Lord President Bradshaw mit den Worten: «Sir, Sie haben sich so verhalten und solche Worte fallen lassen, als ob Sie in keiner Weise dem Gesetz unterworfen wären oder als ob das Gesetz nicht über Ihnen stünde.»1 The full proceedings of the High Court of Iustice against King Charles in Westminster Hall, on Saturday the 20 of January, 1648, together with the Kings reasons and speeches and his deportment on the scaffold before his execution / translated out of the Latine by J.C.; hereunto is added a parallel of the late wars, being a relation of the five years Civill Wars of King Henry the 3d. with the event of that unnatural war, and by what means the kingdome was settled again. In: Early English Books Online. University of Michigan Library Digital Collections, https://name.umdl.umich.edu/A40615.0001.001, letzter Zugriff am 16. Mai 2026, S. 64. Fast 400 Jahre später sind viele der Meinung, dass derselbe Vorwurf auch gegen den Bruder von Charles III. erhoben werden könnte. Andrew Mountbatten-Windsor, ehemals Prinz Andrew, ist der jüngere Bruder von König Charles III. und war ein Jahrzehnt lang als Handelsbeauftragter des Vereinigten Königreichs tätig. Peter Mandelson, mit dem Spitznamen «Prinz der Dunkelheit», war in den 1990er Jahren einer der Architekten von New Labour, ehemaliger Kabinettsminister, Mitglied des House of Lords und später britischer Botschafter in den Vereinigten Staaten. Beide Männer wurden in den britischen Epstein-Skandal verwickelt, da ihre Beziehungen zu Epstein angeblich von privater Freundschaft zu Fragen ihrer öffentlichen Ämter übergingen. Beide wurden 2026 wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch verhaftet und beide bestreiten jegliches Fehlverhalten. Die Epstein-Zeugin Virginia Giuffre reichte in den USA zudem eine zivilrechtliche Klage wegen sexuellen Missbrauchs gegen Andrew ein. Andrew bestritt jegliches Fehlverhalten, und der Fall wurde 2022 außergerichtlich beigelegt, ohne dass eine Schuld eingeräumt wurde.2 Walker, Amy / Dilley, Sean: »CPS giving ‘investigative advice’ to police over Andrew and Mandelson probes.” In: BBC News, 1 April 2026, https://www.bbc.co.uk/news/articles/cr518ppng30o, letzter Zugriff am 20. Mai 2026. Zur Geschichte Virginia Giuffres, vgl. den Text von Elisabeth Jena in dieser Ausgabe.
Aus dem Meer von Verschwörungstheorien, das dieser Skandal hervorgebracht hat, hat eine alte Lüge wieder ihren Kopf erhoben: dass die Welt von einer kleinen Gruppe von Männern in privaten Hinterzimmern kontrolliert werde. Der Verschwörungstheoretiker glaubt dies mit Entsetzen; der Insider der Elite glaubt es halbherzig und mit Genugtuung. Ersterer stellt sich eine Kabale vor, die die Fäden der Geschichte zieht; letzterer sieht sich gerne als jemand, der in dem Raum sitzt, in dem Geschichte geschrieben wird. Beide Vorstellungen sind auf ihre Weise schmeichelhaft. Sie lassen Macht persönlich und gewollt erscheinen. Sie suggerieren, dass die Welt vom Willen einzelner Personen regiert wird.
Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Der wahre Skandal der Macht der Eliten besteht nicht darin, dass einige wenige die Welt beherrschen. Er besteht vielmehr darin, dass viele Menschen in Institutionen, Netzwerken, Unternehmen, Wohltätigkeitsorganisationen und Staaten tätig werden, deren Ziele über ihre Absichten hinausgehen. Sie lenken diese Maschinerien weniger, als dass sie ihnen dienen. Ich werde zeigen, dass diesem Ansatz eine Ideologie zugrunde liegt, die das Verständnis von Gleichheit grundlegend verändert hat.
Dabei werde ich folgendermaßen argumentieren: Das Rawls’sche «Differenzprinzip» führte den Gedanken ein, dass Gleichheit darauf ziele, dass die Gesellschaft zum Wohle der am schlechtesten gestellten Menschen funktioniert. Eine pervertierte Version dieses Prinzips setzte sich unter liberalen und linken Eliten durch, die damit enorme Zugangsungleichheiten im Austausch für gesteigerte Effizienz rechtfertigen konnten. Dieses Prinzip stand zudem losgelöst vom historischen Zweck der Gleichheit: Würde und Status. Mit dieser vollständigen Trennung konnten die Missbräuche in Epsteins Kreisen unhinterfragt bleiben oder gegen die Vorteile des Netzwerks abgewogen werden.
Die Geburt des Differenzprinzips
Es ist eine merkwürdige Tatsache unserer Geschichte, dass es sehr oft gerade die verwässerten, nur noch vage in Erinnerung gebliebenen oder «gerade so ausgefeilten, dass sie auf einer Party intelligent klingen»-Versionen komplexer politischer Ideen waren, die den größten Einfluss auf die Neugestaltung der Politik hatten. Nehmen wir zum Beispiel die Französische Revolution. Es ist mittlerweile weitgehend akzeptiert, dass viele der französischen Revolutionär:innen einerseits völlig von den Werken Jean-Jacques Rousseaus inspiriert waren und andererseits oft keine Ahnung von dessen Bedeutung hatten.
In unserer Zeit gibt es in der anglophonen Welt einen Giganten, mit dem fast alle Studierenden der Politikwissenschaft, der politischen Theorie oder der Politikgeschichte schon einmal in Berührung gekommen sind: John Rawls. Der Umfang und die Tragweite seines Werks sind geradezu überwältigend und vielleicht haben gerade deshalb so viele seine Prinzipien auf eine fast zweidimensionale Weise verstanden. Studierende, denen vielleicht ein oder zwei Wochen Zeit gegeben wird, sich mit seinem Werk auseinanderzusetzen, behalten in der Regel kaum mehr als seine Grundprinzipien. Ich werde diese Prinzipien hier kurz behandeln, möchte aber betonen, dass ich damit lediglich an der Oberfläche eines zutiefst intellektuellen und nuancierten Gedankenguts kratze. Tatsächlich sollte die hier vorgebrachte Kritik nicht als echte Kritik an Rawls’ Werk verstanden werden, sondern als Kritik an der oberflächlichen Version, die sich im Bewusstsein der elitären Öffentlichkeit niedergeschlagen und verfestigt hat.
Wer sich auch nur am Rande für Rawls interessiert, ist mit ziemlicher Sicherheit schon einmal auf seine «ursprüngliche Position» hinter einem «Schleier der Unwissenheit» gestoßen. Der Schleier der Unwissenheit funktioniert, indem er willkürliche Merkmale der Bürger:innen wie Geschlecht, Klasse, Rasse, Vermögen, Status usw. ausblendet. Aus dieser ursprünglichen Position heraus müssen die Bürger:innen versuchen, zu einer Reihe von Prinzipien zu gelangen, nach denen sie ihre Gesellschaft und ihre Institutionen regieren wollen, wobei jedoch niemand seine spätere Position in dieser Gesellschaft kennen darf. Aus diesem Gedankenexperiment ergeben sich wiederum folgende Prinzipien:
‚Jeder Mensch hat denselben unanfechtbaren Anspruch auf ein umfassendes System gleicher Grundfreiheiten, das mit demselben System von Freiheiten für alle vereinbar ist; und
Soziale und wirtschaftliche Bedingungen müssen zwei Voraussetzungen erfüllen: Erstens müssen sie mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die unter fairen und chancengleichen Bedingungen allen offenstehen, und zweitens müssen sie den am stärksten benachteiligten Mitgliedern der Gesellschaft den größten Nutzen bringen (das Differenzprinzip).3 Rawls, John: Justice as Fairness: A Restatement. Ed. Erin Kelly. Cambridge, MA 2001, S. 42–43.
Obwohl sie als aus zwei Prinzipien bestehend dargestellt wird, umfasst die Theorie im Wesentlichen drei Prinzipien: das Prinzip der gleichen Grundfreiheiten, das Prinzip der fairen Chancengleichheit und – vielleicht am bekanntesten – das Differenzprinzip.
Wenn wir die drei Prinzipien von Rawls in ihrer Gesamtheit betrachten, so wird deutlich, dass sie tatsächlich sehr hohe Anforderungen stellen. Das «Prinzip der fairen Chancengleichheit» verlangt beispielsweise, dass allen eine angemessene Möglichkeit gegeben wird, die für ein Amt erforderlichen Fähigkeiten zu entwickeln, und nicht nur, dass Ämter nach Leistung vergeben werden.
Doch eigentlich ist Rawls vor allem für das Differenzprinzip bekannt. Die Idee vollständig angemessener, gleicher Grundfreiheiten war schon lange ein Grundpfeiler der liberalen Ideologie, ebenso wie – wenn auch erst seit jüngerer Zeit – die Idee der fairen Chancengleichheit. Die Forderung des Differenzprinzips, dass jede Ungleichheit die Lage der am schlechtesten Gestellten verbessern muss, war hingegen wirklich neuartig.
Das vulgarisierte Differenzprinzip
In den folgenden Jahrzehnten scheint es, als habe die liberale Elite, die in den 1980er- und 1990er-Jahren hervortrat, vor allem das Differenzprinzip verinnerlicht. Mit diesem Prinzip hatten die Liberalen wieder festen Boden unter den Füßen gefunden. Sie hatten endlich den Spagat zwischen Freiheit und Gleichheit geschafft – den beiden Kernwerten des Liberalismus, die in ständigem Spannungsverhältnis zueinander stehen. Die Lösung lautete: Der Staat sollte nur so weit eingreifen, wie es notwendig ist, um die Lage der am schlechtesten Gestellten zu verbessern. In der Praxis bedeutete dies einen Abbau von Regulierung und eine zunehmende Privatisierung, wobei die Gewinne jedoch über Steuern umverteilt wurden, oder die Befürwortung des freien Marktkapitalismus bei gleichzeitigem Versuch, dessen Auswirkungen auf die am schlechtesten Gestellten abzumildern.
In Großbritannien brachte Mandelson diese Denkweise zum Ausdruck, als er 1998 erklärte, die Labour-Partei habe «keinerlei Probleme damit, dass Menschen stinkreich werden, solange sie ihre Steuern zahlen». Rawls beeinflusste auch einen weiteren Weggefährten Epsteins, US-Präsident Bill Clinton, der Rawls einmal als «den vielleicht größten politischen Philosophen des 20. Jahrhunderts» bezeichnete. «Er hat einer ganzen Generation gebildeter Amerikaner geholfen, ihren Glauben an die Demokratie selbst wiederzubeleben».4 ‘The National Medal Of The Arts And The National Humanities Medal’, 29 September 1999, https://clintonwhitehouse4.archives.gov/WH/New/html/19990929.html, letzter Zugriff am 16. Mai 2026.
Es ist meiner Meinung nach kein Zufall, dass viele dieser «gebildeten Amerikaner» sowie Clinton und Mandelson selbst schließlich in Epsteins Umfeld landeten. Was Rawls ganz unschuldig und unwissentlich geliefert hatte, war ein Prinzip und eine Sprache, mit denen selbst linksgerichtete Personen enorme Ungleichheit und Maßlosigkeit rechtfertigen konnten. Alles, was sie taten, konnte gerechtfertigt werden, solange es den Ärmsten materiell zugutekam, und da diese Männer enorme Philanthropen und Steuerzahler waren, die wirklich etwas bewegten, war es dann nicht zum Wohle aller, dass sich Reichtum, Macht und Status in ihren Händen angesammelt hatten?
Rawls hat diese Welt nicht gutgeheißen. Rawls hatte deutlich gemacht, dass das Differenzprinzip lexikalisch an letzter Stelle stand; es sollte erst dann zur Anwendung kommen, wenn die anderen Prinzipien bereits verwirklicht waren. Doch ein vulgarisiertes Verständnis seines Werks lieferte den Verwaltungseliten die nötige Rechtfertigung für die Überzeugung, dass ihr Handeln richtig sei. Es war, als würde das Differenzprinzip in gewisser Weise beginnen, seine Mitprinzipien zu verdrängen. Chancengleichheit konnte vergessen werden; Vetternwirtschaft, Bestechung und Gefälligkeiten trugen dazu bei, einige der hartnäckigsten Probleme der Welt zu lösen, von Malaria bis hin zu Nachfrageeinbrüchen. Angesichts des Ausmaßes der begangenen Verbrechen und des Grades an Komplizenschaft, der erforderlich war, um sie geheim zu halten, scheint es, dass gleiche Grundfreiheiten – insbesondere die Gleichheit vor dem Gesetz – ebenfalls gerne außer Kraft gesetzt wurden; diese Eliten scheinen sich nicht darum zu kümmern, dass ihre Mitmenschen gleiche Gerechtigkeit erfahren.
Die neue Gleichheit
Das Seltsame daran ist, dass gerade diese Gleichheit vor dem Gesetz die Grundlage der bürgerlichen Kritik am Adel bildete. Sie forderten für Bürger die Rechte und Gesetze der Adligen. Sie wandten sich gegen die Privilegien (etymologische Herkunft: Vorrecht/Ausnahmerecht) des Adels und die Monopole, die diese stützten. Das Gesetz war die höchste Autorität im Land, und alle Bürger waren «vor dem Gesetz gleich». Diese Themen ziehen sich durch fast jedes liberale Verfassungsdokument, durch den Englischen Bürgerkrieg, die Gründung der amerikanischen Republik und die Französische Revolution.
Bei dieser Art von Gleichheit ging es ursprünglich nicht nur um die Umverteilung von Ressourcen. Es ging um gleiche bürgerliche Stellung: um die Vorstellung, dass kein Bürger dazu geboren ist, über einen anderen zu herrschen, dass Ämter nicht durch vererbten Zugang vergeben werden sollten und dass dasselbe Gesetz Prinz und Bürger gleichermaßen binden sollte. Die Gefahr des vulgarisierten Differenzprinzips besteht darin, dass es zulässt, dass diese ältere Sprache der Gleichheit durch eine eher verwaltungstechnische Sprache verdrängt wird. Ungleichheit in Bezug auf Status, Einfluss, Zugang und sogar rechtliche Behandlung kann toleriert werden, solange das System als produktiv, philanthropisch, effizient oder vorteilhaft für die am schlechtesten Gestellten dargestellt werden kann. Gleichheit wurde von einer Frage des Status zu einer Frage der Ergebnisse. Vom Staat wurde nicht mehr erwartet, dass er fragt, ob Macht zu konzentriert, zu willkürlich oder zu wenig der Rechenschaftspflicht unterworfen geworden ist, sondern ob diese Macht den am schlechtesten Gestellten materiell zugute kam. Wenn Ungleichheit verwaltet, besteuert, professionalisiert oder mit Philanthropie verbunden werden konnte, erschien sie nicht mehr als Widerspruch zur liberalen Gleichheit, sondern als eines ihrer Instrumente.
Der Niedergang der Gleichheit in Würde
Bevor ich fortfahre, möchte ich betonen, dass ich keineswegs behaupten will, dass jede Person in Epsteins Umfeld, einschließlich derjenigen, die ich in diesem Artikel namentlich genannt habe, das volle Ausmaß seiner Verbrechen kannte, geschweige denn, dass eine Verbindung bereits eine Mittäterschaft beweist. Eine solche Behauptung wäre weder beweisbar noch rechtlich fundiert. Klar ist jedoch, dass diejenigen, die mit Epstein in Verbindung standen, zumindest bereit waren, seine Verurteilung von 2008 zu ignorieren, und aus der Verurteilung von Ghislaine Maxwell geht ebenfalls klar hervor, dass Epsteins Welt nicht nur ein Netzwerk aus Zugangsmöglichkeiten, Philanthropie und Einfluss war, sondern eine, in der schutzbedürftige Mädchen und junge Frauen sexuell ausgebeutet wurden.
Die Schwere dieser Verbrechen trifft den Kern der moralischen Frage: Wie konnten so viele Menschen diese Verbindung rechtfertigen? Die Antwort liegt meiner Meinung nach zum Teil in der Trennung von Gleichheit einerseits und Würde und Status andererseits. Bei der Gleichheit vor dem Gesetz ging es darum, zu bekräftigen, dass der Status eines Prinzen und eines Bürgers zumindest in einer Hinsicht gleich war; es ging darum, die Vorstellung von natürlichen Sklaven, Leibeigenen oder Plebejern zu beenden. Bei der Chancengleichheit ging es nicht nur darum, die richtigen Leute in die richtigen Positionen zu bringen. Es ging darum, die moralische Handlungsfähigkeit des Einzelnen zu bekräftigen; darum, dass alle Erwachsenen gleichermaßen «die Fähigkeit besitzen, moralische Verantwortung zu entwickeln und auszuüben» und ihre eigene Vorstellung vom Guten zu verfolgen. Die neue Gleichheit stellt jedoch keine solch schwierigen Fragen.
Da diese Verbindung unterbrochen ist, lastet auf den Eliten nicht mehr die moralische Bürde, Einzelpersonen mit gleicher Menschenwürde zu begegnen. Um ein Omelett zu machen, muss man Eier zerbrechen; um Dinge zu erledigen, muss man über manche Verbrechen hinwegsehen; um den Hunger in der Welt zu bekämpfen, muss man mit manchen schlechten Menschen zusammenarbeiten. Der Punkt ist nicht, dass diese Denkweise die Ursache für die Missbräuche ist. Es geht darum, dass sie es den Eliten ermöglicht, Missbrauch, Ausbeutung und Unterdrückung als bedauerliche Tatsachen zu behandeln, mit denen man umgehen muss, anstatt als moralische Grenzen, die eine Zusammenarbeit gänzlich beenden sollten. Epsteins Nützlichkeit als Spender, Finanzier und Vermittler konnte gegen die moralische Realität des mit ihm verbundenen Missbrauchs abgewogen werden und dazu beitragen, diese zu verschleiern.
Die neue Elite
Für diese neuen, verwaltungsorientierten Eliten sind die politischen und moralischen Fragen unserer Zeit technische Probleme, die von den richtigen Leuten in den richtigen Räumen gelöst werden müssen. Sind unsere Manager intelligent genug, gut vernetzt genug und global genug, dann lassen sich gewöhnliche Regeln oder moralische Bedenken vielleicht im Namen einer höheren Effizienz außer Kraft setzen.
So liegen Verschwörungstheorien in Bezug auf die Macht der Eliten sowohl richtig als auch falsch. Die öffentliche Gleichheit wird durch privaten Zugang und Missbrauch durch die Elite untergraben, doch es ist falsch zu glauben, dass die Welt von einigen wenigen Einzelnen in verrauchten Hinterzimmern regiert wird. Die beunruhigendere Realität ist, dass sie von niemandem regiert wird. Der Staat, der Markt, Philanthropie, Bürokratie und Fachwissen bilden zunehmend einen einzigen Verwaltungsraum. Diejenigen, die Dinge erledigen und ihre Systeme am effizientesten verwalten können – sei es durch Bestechung, Gefälligkeiten, Freundschaften oder Kompetenz –, steigen an die Spitze auf. Dabei haben sie die liberale Gleichheit umgestaltet und ihre moralischen Komponenten stillschweigend abgelegt. Ihr Anliegen ist nun nicht mehr die Würde des Menschen oder die Bekämpfung von Missbrauch, sondern die Effizienz des Systems.
Die neue Aristokratie ist weder eine des Blutes noch lediglich eine des Geldes. Sie ist eine Aristokratie der Vermittlung zwischen Staaten, Märkten und Systemen. Ihre Mitglieder verstehen es, private Interessen in einen vermeintlichen öffentlichen Nutzen und persönlichen Zugang in ein institutionelles Vertrauen umzuwandeln, und haben gelernt, Missbräuche gegen Vorteile abzuwägen. Die alte Aristokratie nannte Privilegien einfach Privilegien. Die neue nennt sie gute Regierungsführung.
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