Ein ganzes Leben voller Fragmente aus Bildern, gemeinsamer Erfahrungen der Jahreszeiten eines geteilten Lebens sind verbunden mit dem anderen, mit dem Gegenüber, das nicht mehr das ist, nie war, wie es einmal schien. Bilder, die verbrennen, verwischen, zu Staub zerfallen – und große Fragen hinterlassen nach dem, was darauf eigentlich einmal zu sehen war.
Aus dem Ehemann, Vater und Großvater Dominique Pelicot wurde ein Sexualstraftäter, der seine Frau Gisèle über zehn Jahre lang wieder und wieder betäubte, vergewaltigte, seine Taten filmte und andere Männer dazu einlud, es ihm gleichzutun. Fünfzig von ihnen wurden 2024 im Prozess in Avignon verurteilt. Der Fall von Gisèle Pelicot zeigt die strukturelle Bedeutung von sexueller Gewalt: Die Täter sind mitten unter uns, unerkannt, geschützt, im Verborgenen.
Der Prozess hat wieder einmal gezeigt, dass die Täter einen breiten Querschnitt der Gesellschaft darstellen, und dass es in den Taten, und auch in ihrer Aufarbeitung, nicht um Ungeheuer geht, die irgendwo lauern, sondern um die ganz normalen Menschen, die zu Straftaten fähig sind. Und ebenso wie Täter nichts anderes sind als die „normalen Menschen von Nebenan“, sind es auch ihre Opfer, in dem Sinne, dass jede Frau von Gewalt betroffen werden kann, ganz egal, wie sie sich vorher entschieden hat, ihr Leben zu gestalten.
Solange man Sexualstraftäter als abstrakte Monster wahrnimmt, bleibt es leicht, den Beschuldigten Schuld abzusprechen, weil sie dieser irrsinnigen Vorstellung nicht zu entsprechen scheinen – und solange bleibt es auch leicht, Schuld stattdessen bei den Betroffenen zu suchen. Das einfache, oft verwendete Wort „unvorstellbar“ beinhaltet diese Abstraktion: Diese Taten geschehen irgendwo, im „Unnormalen“, ganz weit von der eigenen Lebensrealität entfernt, deshalb müssen Betroffene auch damit assoziiert sein, wenn sie über die Taten sprechen. Dieses Narrativ stärkt bestehende Gewaltstrukturen.
Gisèle Pelicot hat sich zu einem öffentlichen Gerichtsverfahren entschlossen, „damit die Scham die Seite wechselt“, wie sie wiederholt betont, denn ihrer Meinung nach sei die Scham immer auf der Seite der Frau, während die Täter sich in Schweigen hüllen oder nur durch ihre Anwält:innen sprechen. Es retraumatisiert Betroffene, im Gerichtssaal den Tätern gegenüberstehen zu müssen, ebenso wie es retraumatisiert, explizit beweisen müssen, wie genau die Tat stattgefunden hat. Dass sie diesen Schritt dennoch gewagt hat, war ein Zeichen an die Welt, grundlegende Veränderungen zu schaffen.
Nachträgliche Stigmatisierung
Im Fall von Natascha Kampusch wurde die Gewalt, die sie erfahren hat, gesamtgesellschaftlich reproduziert. Die damals 10-jährige Österreicherin wurde von ihrem Entführer, Wolfgang Priklopil, über acht Jahre lang gefangen gehalten, bis ihr die Flucht gelang. Was folgte, war allerdings eine breitangelegte Hasskampagne der Öffentlichkeit und Medienlandschaft, da das selbstbewusste Auftreten der Jugendlichen vielen „falsch“ vorkam. Sie sei zu klar und gefasst, zu wenig gebrochen, zu laut. So verhielten sich Opfer nicht, so kennt man es nicht. Immer wieder wurden Zweifel an der Geschichte geäußert, wurde behauptet, Kampusch würde einfach so gern im Rampenlicht stehen, würde übertreiben, möchte ein „Promi“ sein.
Es existiert seit jeher das Bild eines „perfekten Opfers“, und der Eindruck, nur wenn man sich genau so verhalte, werde einem Glauben geschenkt, erhalte man Gerechtigkeit und Unterstützung. Die Täter verbergen sich hinter einer Fassade der Ahnung und des Schweigens. Die Kultur des Schweigens, die diese Taten umgibt, wird in dem medialen Aufruhr nur kurz unterbrochen – sobald sich die erste Aufregung lebt, wird die Frage nach strukturelle Ursachen wieder in den Hintergrund geschoben, geht es doch wieder weiter, ohne dass gesellschaftliche Veränderungen konkret umgesetzt werden. Im Fall Kampusch entging der Täter bekanntlich seinem Urteil schon vor Verkündung durch Suizid.
Viele Frauen betonen zu Recht, kein Opfer sein zu wollen. Der gesellschaftliche Status des Opfers ist für viele Menschen mit Entwürdigung und Demütigung verbunden. Menschen, die diese Erfahrungen gemacht haben, brauchen kein falsches Mitleid und kein Pathos, sondern wollen weiterhin auf Augenhöhe wahrgenommen und nicht darüber definiert werden, was ihnen passiert ist.
Besonders die Tatsache, dass Kampusch das Haus des Entführers kaufte, sorgte für großen Unmut. Sie wollte nicht, dass es ein „gruseliger Vergnügungspark wird“, was viele nicht verstehen konnten. Zur Wehr setzen musste sich Natascha Kampusch nach eigenen Angaben gegen hasserfüllte E-Mails, Angriffe auf offener Straße, Gerüchte, Verschwörungstheorien und Hasskommentare. Fast vergessen wird in dieser ganzen, aufgeladenen Debatte, dass es da einen Täter gab – einen Mann, der eine 10-Jährige entführte, sie über acht Jahre lang gefangen hielt und sexuell missbrauchte.
Immer wieder betonte sie, nicht alle Details des Martyriums schildern zu wollen, da die Bilder von Kellerverliesen und menschgewordenen „Monstern“ davon ablenken würden, dass sich genau solche Verbrechen hinter der Fassade bürgerlicher Einfamilienhäuser abspielen. Genauso wie Dominique Pelicot versteckte sich Wolfgang Priklopil hinter der Fassade des einfachen, normalen Lebens, ein netter Mann von nebenan, der sein Umfeld hinters Licht geführt hat.
Zwanzig Jahre ohne strukturelle Konsequenzen
Obwohl ihre Befreiung zwanzig Jahre zurückliegt, blieben grundlegende Veränderungen im medialen und behördlichen Umgang mit Überlebenden derartiger Verbrechen aus. Sobald der Fall wieder einmal durch die Medien geht, werden wieder die Stimmen besonders laut, die zu Zweifel und Täterschutz aufrufen. Vor kurzem hat Natascha Kampusch einen Zusammenbruch erlitten, der ORF sagte die Ausstrahlung einer von Opferschutzorganisationen kritisierten Dokumentation im letzten Moment ab.
Die strukturelle Gewalt, die hinter all dem steht, ist schwer zu durchdringen. Aber genau dort muss man einsetzen, um diese Verbrechen zu bekämpfen, es geht uns um die Überwindung des Systems, das kontinuierliche Ausbeutung hervorbringt. Sozioökonomische Strukturen stellen Ungleichheiten her, schaffen ein Machtgefälle, das Ausbeutung ermöglicht und absichert, immer wieder neue Wege der Ausbeutung erschafft und bestehende zementiert. Patriarchale Herrschaft festigt und stützt diese Strukturen.
Und diese sind inhärenter Teil des Kapitalismus, seiner Kulturindustrie, seinem Staatsaufbau. Die strukturelle Gewalt wird reproduziert, im gesellschaftlichen Diskurs und in Analysen darüber, wer eigentlich ein Opfer ist oder nicht, wie ein Opfer sexueller Gewalt sich zu verhalten hat, welche Fehlentscheidungen Betroffene im Leben getroffen haben könnten – um die Schuld des Täters im Diskurs abzumildern.
Demontage im Diskurs
Und dann ist da noch der Fall von Christian Ulmen. Collien Fernandes beschuldigt ihren Ex-Mann, sie körperlich bedrängt und im Internet ihre Identität gestohlen zu haben, um dort in ihrem Namen sexualisierte Interaktionen auszuleben, mithilfe von Deep-Fake-Technologie, Telefonsex und gefälschten Profilen. Den Einsatz von Deepfake-Technologie bestreitet Ulmen und lässt gerichtlich gegen den „Spiegel“ vorgehen, der einen Artikel darüber publiziert hatte. Dabei hatte Christian Ulmen in erster Instanz verloren. Collien Fernandes wird zur Projektionsfläche für positive Veränderungen, auch für Hass, Frauenfeindlichkeit und als Figur in einem angeblichen Kampf um Meinungsfreiheit.
Wieder sind es Frauen, die den Diskurs dominieren und Männer wie Julian Reichelt, die in ihren Medienformaten Zweifel an der „Geschichte“ äußern und betonen, es ginge hier ja nur um einen Rosenkrieg, um den sich die Boulevardpresse kümmern müsste, also nicht um echte, ernstzunehmende Straftaten. Damit wird Gewalt verschleiert, als „Hysterie“ abgetan, folgenlos gemacht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, Collien Fernandes äußert auf Instagram Überforderung von den vielen Anfragen der Presse. Wieder sind es Meinungen, die eigentlich Schutzbehauptungen oder Vorurteile sind, Analysen und Fernsehberichte, die verurteilen, mediale Ausbeutung und Clickbait verdrehen Tatsachen.
Frauen, die öffentlich auftreten und über das, was ihnen geschehen ist, berichten, werden zur Projektionsfläche gemacht. Die Öffentlichkeit, im Diskurs und in den Medien, erhebt sich zur Rechtssprechungsinstanz, die darüber entscheidet, ob man der Frau nun glauben kann oder nicht. Eine besondere Rolle spielt dabei Clickbait- und Boulevardjournalismus, in dem alle Details der Taten und des Lebens der Betroffenen ausgebreitet werden.
Und je mehr Schlagzeilen es gibt, desto mehr negative Aufmerksamkeit fällt auf diejenigen zurück, die es gewagt haben, über die Taten zu sprechen, als ob sie die Brandstifter des Geschehens wären. Mit der hohen Geschwindigkeit von Social Media ergießen sich Hasskommentare, Beleidigungen und Verleumdungen über die Profile der Betroffenen. Es erscheint falsch, davor zu warnen, dass sowas passieren könnte, denn dies verschiebt die Verantwortung zurück auf die betroffene Person, gleichzeitig gibt es aber kaum Schutz.
Was im Falle eines Datenmissbrauchs, wie hier der „digitalen Vergewaltigung“, wie Fernandes es selbst nannte, passiert, ist eine totale Objektifizierung durch Identitätsdiebstahl, ein „Sprechen durch die andere“, in dem die Frau auf ein bloßes Abziehbild reduziert wird, durch das ein Mann mit anderen Männern spricht. Alles mit dem Ziel der Entwürdigung und Befriedigung durch Machtergreifung über ein Bild, das außerhalb der Kontrolle der Frau liegt, das sie als Objekt präsentiert, ohne ihrer Menschlichkeit Raum zu lassen.
## Reproduktion und Verantwortung
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