Sexistische Staatenlenker und Universitätsrektoren mit Beziehungsproblemen, sich als antiimperialistisch verstehende linke Intellektuelle und rechtsextreme Denker mit imperialistischen Ambitionen, europäische Royals und amerikanischer Finanzadel – die Liste an gesellschaftlichen Gruppen, die in den Veröffentlichungen der sogenannten «Epstein-Files» auftaucht, ist beliebig fortsetzbar und diverser, als dass ein einseitig politisierbares Feindbild daraus gezeichnet werden könnte. Einige Gemeinsamkeiten haben die Persönlichkeiten allerdings, die seit den späten 1990er Jahren in Korrespondenz mit dem verurteilten Sexualverbrecher Jeffrey Epstein waren: Sie alle sind Teil einer «Elite» – ob wirtschaftlich, wissenschaftlich oder politisch – und sie alle waren bereit, zu sexuellem Missbrauch und Menschenhandel zu schweigen, die Augen davor zu verschließen oder sogar aktiv daran teilzuhaben, um Teil dieser «Elite» zu bleiben.
Die Erzählungen von Korruption, Missbrauch und der Loslösung von jeglichen moralischen Prinzipien in einer gesellschaftlichen überproportional mächtigen Randgruppe, die sich aus den jüngsten Veröffentlichungen ergeben, wären noch vor wenigen Jahren als das Manifest eines rechtsextremen Verschwörungsideologen oder ein mit antisemitisch kodierten Bildern gespickter, regressiver Antikapitalismus durchgegangen. Durch die Veröffentlichung der «Epstein-Files» sind Verbrechen und Netzwerk nun aber belegt. Auch eine undogmatische Linke steht vor der Frage, wie eine systematische Kritik dieser spätkapitalistischen, von Silicon-Valley-Ideologie durchtränkten Gefälligkeitsgemeinschaft aussehen kann, die dem Ausmaß der Verbrechen und der Korruption gerecht wird, die nicht in Individualisierung und Populismus verfällt. Eng verknüpft mit der Frage nach «Elitenkritik» ist die Auseinandersetzung mit einem Staat, dessen höchste Vertreter:innen vieler unterschiedlicher Länder an dem von Epstein gesponnenen Netzwerk beteiligt waren und dessen exekutive Organe nicht in der Lage – oder nicht Willens – sind, entsprechende Aufklärung und Strafverfolgung zu gewährleisten.
Die Frage, ob mit oder gegen den (bürgerlichen) Staat und seine Institutionen, ist keine neue für diejenigen, die nach progressiver und emanzipatorischer Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse streben. Sie ist eng verknüpft mit der Frage danach, auf welche Art und Weise gesellschaftliche Veränderung erreicht werden kann. In den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts schien diese Frage für den Mainstream der (deutschen) Linken jedoch relativ einhellig beantwortet werden zu können; sie bewegte sich gleich zweifach auf den Staat zu. Finanzielle Anreize und das Versprechen, konkrete Verbesserungen bewirken zu können, banden sie strukturell an staatliche Institutionen. Die Verlockung, Teil des Meinungsmainstreams zu werden – was in gewissen Sphären des Internets und traditioneller Medien in den 2010ern im Sinne eines verwaschenen Linksliberalismus wohl gelungen ist – kam auf Kosten einer staatskritischeren Position: Man beißt nicht die Hand, die einen füttert.
In den vergangenen Jahren scheint es immer stärker so, als wäre Disruption und radikale Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft nur noch von rechts geäußert worden, während die Linke in die Rolle des Verteidigers der staatlichen bürgerlichen Demokratie schlüpfte, ohne dieser eigene positive Visionen entgegensetzen zu können. Die Veröffentlichung der Epstein-Akten – ursprünglich eine Forderung rechtspopulistischer antietatistischer und anti-Establishment-Politiken – stellt für die (westliche) Linke eine Herausforderung dar. Die Einbindung eines Teils der politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und nicht zuletzt staatstragenden «Elite» in ein klientelistisches Netzwerk, das Missbrauch toleriert oder gar befördert, und die Unfähigkeit und möglicherweise der Unwille staatlicher Organe, die begangenen Straftaten entsprechend zu verfolgen, werfen neue Fragen auf.
Deshalb möchten wir in dieser Ausgabe diskutieren, wie eine undogmatische Linke ihre Kritik am Staat und seinen Institutionen sowie an einer diese tragenden «Elite» aussehen kann.
Gerne erhalten wir deshalb Textvorschläge beispielsweise zu diesen Themen:
- Wie kann und muss eine linke Staatskritik aussehen? Kann man noch auf dieser Ebene für politische Veränderungen kämpfen?
- Was sind Fallstricke dieser Staatskritik? Welche Gefahren birgt sie? Ab wann schlägt sie in autoritäre, regressive Reflexe um; wann und wie werden antisemitische Ressentiments bedient?
- Kann eine aktuell autoritär und antisemitisch dominierte autonome linke Szene überhaupt eine emanzipatorische staatskritische Perspektive formulieren?
- Welchen analytischen Mehrwert hat der Begriff der «Elite» für eine linke Kritik von Machtstrukturen und welche Fallstricke (populistische, antisemitische Narrative) hat er?
- Vor welche Schwierigkeiten stellt es die radikale Rechte, dass einige ihrer Führungsfiguren durch die Epstein-Dokumente belastet werden? Was kann eine antifaschistische Linke daraus lernen?
- Wie bilden sich Rackets und korrupte Strukturen in unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systemen aus? Wie bereichern sich diese Gruppen und wie üben sie ihre Macht an staatlichen Strukturen vorbei oder unter Ausnutzung derselben aus?
- Wie lässt sich der für eine Gesellschaft gefährlichen Konzentration von Ungleichheit und damit verbundener Macht politisch wirksam begegnen? Lässt sich aus damit verzerrten Anerkennungsverhältnissen beispielsweise eine Staats- und Gesellschaftskritik mit transformatorischer Kraft entfalten?
- Welche Ideologien stecken hinter wirtschaftlichen und politischen «Eliten»? Geht von der Ideologie hinter dem Silicon Valley beispielsweise eine faschistische Gefahr aus?
- Neben den Enthüllungen der systematischen sexuellen Gewalt im System Epstein hat in den letzten Jahren der Fall von Gisèle Pelicot gezeigt, wie sich patriarchale Gewalt systematisch in unsere Gegenwart einschreibt. Wie zeigen diese und andere Fälle missbräuchlicher Machtstrukturen, auf welche Weise patriarchale Muster unsere Gesellschaft strukturieren?
Gerne könnt ihr auch weitere eigene Ideen einbringen, die sich in dem skizzierten Themenfeld bewegen.
Das Redaktionsteam freut sich über Artikelvorschläge an jungeperspektivends@gmail.com oder auf Instagram @jungeperspektivends. Die fertigen Artikel sollen einen Umfang von ca. 10.000-12.000 Zeichen haben. Alternativ sind auch etwas kürzere Rezensionen aktueller, zum Themenschwerpunkt passender Bücher möglich – wir haben einige Bücher im Blick (schreibt uns dazu!), freuen uns aber auch über eigene Vorschläge. Bitte reicht Vorschläge für Artikel (vorläufiger Titel + kurzes Abstract) bis zum 22. März 2026 ein. Nach Annahme durch die Redaktion müssen die Artikel bis 15. Mai 2026 fertiggestellt werden. Die Artikel werden in der gedruckten Ausgabe der perspektivends sowie auf http://www.junge-perspektiven.de/ online veröffentlicht.
Die «jungen perspektiven» sind seit der Ausgabe 02/2016 fester Bestandteil der «perspektivends – Zeitschrift für Gesellschaftsanalyse und Reformpolitik», die zweimal jährlich im Schüren Verlag erscheint und auf ehrenamtlicher Basis von der Hochschulinitiative demokratischer Sozialismus e.V. (HDS) herausgegeben wird. Das Leitbild des Arbeitskreises ist kritische Wissenschaft, die die Welt als unvernünftig eingerichtet begreift, zugleich aber die Stränge des gelungenen Lebens und der politischen Restvernunft in ihr zu verteidigen sucht. Wir meinen, dass die Konstellation von Theorie, Text und Praxis dazu beitragen kann.