Beiträge
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Editorial: Zwischen den Sicherheiten – Linke Perspektiven im Spannungsfeld zwischen Militarisierung und internationaler Solidarität
Drohnen über europäischen Flughäfen, Cyber-Angriffe, Verletzungen des NATO-Luftraums – kaum ein Thema ist aktuell so präsent wie die Frage von Krieg und Frieden. Was seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine klar wurde, verschärft sich seither immer weiter: Die alte internationale Ordnung wackelt. Auch ohne Kriegserklärung und Feldschlachten zwischen der NATO und Russland wirkt der…
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Sicherheit für wen? Die Ukraine im Krieg und die Normalisierung des Ausnahmezustands.
Krieg beginnt immer mit einem Sicherheitsversprechen: Der Angreifer behauptet, sich selbst zu verteidigen; der Angegriffene kämpft, um sich zu verteidigen. Sobald der Krieg jedoch einmal beginnt – so das Paradox eines jeden Krieges – bricht die Sicherheit auf beiden Seiten zusammen. Nicht nur Leben sind in Gefahr, sondern das gesamtgesellschaftliche Gewebe beginnt, sich aufzulösen: Kritische…
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Vom Pazifismus zur Verantwortung. Warum die politische Linke eine neue Sicherheitspolitik braucht
Der russische imperialistische Angriff auf die Ukraine, sprich eine der größten politischen Krisen Europas, hat viele Arenen (wieder)eröffnet, in denen um Diskurse und Deutungsmuster gestritten wird. Unter anderem hat das Thema von Sicherheit und Verteidigung an Bedeutung gewonnen, und insbesondere dem deutschen linken Spektrum ist es schwer gefallen, dieses außenpolitische Handlungsfeld aus wirklich antiimperialistischer Sicht…
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Militanter Pazifismus – Zum Beitrag Simone Weils zur antimilitaristischen Linken
Die «militäraverse Grundhaltung» der bundesrepublikanischen Gesellschaft hadert mit dem geordneten Rückzug. Der Versuch ihrer Auflösung in neuerlicher Kriegserwartung und den fieberhaften Anstrengungen zur Herstellung wahlweise nationaler oder supranationaler «Verteidigungsfähigkeit», begleitet von Zeitenwende-Rhetorik und der Beschwörung geteilter Werte, ist in vollem Gange. Die Linkspartei, vorausschauend in Stellung gebracht, um die erwartbare Unzufriedenheit mit dem neuen sicherheitspolitischen…
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Vom Los in den Krieg – und dennoch glücklich? Holzwege der litauischen Linken in einem Land des Wehrhaftigkeitskonsens
Paulius – Mitte zwanzig – ist Friseur in der barocken Altstadt von Vilnius. In seinem kleinen Salon lassen sich die cool kids der Haupstadt die Haare schneiden. Aus den Lautsprechern läuft «NTS Radio», die Frisuren – Mullets, Wolf Cuts, Shags – könnten genauso gut in Berlin-Kreuzberg geschnitten werden. Paulius selbst macht experimentelle elektronische Musik. Hin…
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Verantwortung in einer veränderten Welt: unser Plädoyer für einen Wehrdienst
Der Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 stellte eine Zäsur dar: In erster Linie natürlich für das Leben der Menschen in der Ukraine, aber im Rahmen der «Zeitenwende» auch für den europäischen Sicherheitsraum. Über die «Zeitenwende» wird dabei vielfach als etwas gesprochen, das Olaf Scholz ausgerufen hätte und womit ein gewollter Wandel einherginge.…
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Für Gott und Vaterland? – Die Linke und der Nationale Widerstand
Die Haltung zu Staat und Nation – sei dies nun die ‹Eigene›, der ‹Nachbar› oder eine allgemeine Kategorie – treibt Linke schon seit Jahrhunderten um. Die Marxsche Weisheit, dass die «Arbeiter (…) kein Vaterland» hätten, wird heute kaum mehr wörtlich genommen. Erst nach Marx‘ Ableben ist die Nation vollumfänglich in ihre Rolle als ideologische Leitinstanz…
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Queere Kämpfe in Zeiten des Krieges: Zwischen Radikalität, Liberalismus und Autoritarismus
Erinnert ihr euch an das Video, in dem Wolodymyr Selenskyj «oben ohne» und in High Heels in der ukrainischen Version von «Dancing with the Stars» tanzt? Die Aufnahme begeisterte westliche Liberale und auch Linksliberale zutiefst, denn sie dekonstruierte Putins absurde Propaganda über eine faschistische Regierung in der Ukraine. Denn aus der Geschichte und Forschung zum…
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Internationale Solidarität zwischen Theorie und Praxis – Lektionen aus Westsahara und Ukraine
Kaum ein Lied hat in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung so viel Bedeutung erlangt wie Die Internationale. Hannes Waders deutschsprachige Aufnahme hat auch heute noch eine beeindruckende Kraft, Menschen politisch zu berühren und zum Nachdenken über Solidarität und internationale Verantwortung anzuregen. Die Botschaft dieses Liedes geht weit über musikalischen Ausdruck hinaus: Es ist ein Aufruf,…
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Emanzipation und Gewalt – zwischen Mythos und Unterbrechung
Eine Leiche reitet, «auf einem Mittelding aus Hyäne und Klepper […], in ein gewaltiges Leichentuch gehüllt, die zerfetzte, schmutzigrote Fahne ausgespannt, eine undeutliche von trüben Flammen der brennenden Häuser erfüllte Gasse hinter sich lassend» (GS V, 951 [k2,3]) aus dem Paris der Commune hinaus. So beschreibt Walter Benjamin eine Lithographie Marcias. Die Pariser Kommune von…
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Das Ideal des gewaltfreien Widerstands
«Jede Form von politischer Gewalt lehnt der Bundeskanzler, aber lehnt auch die Bundesregierung insgesamt ab. Das gehört nicht zur demokratischen Auseinandersetzung. […] Wir halten politische Gewalt für nicht tolerierbar.» So ließ die Bundesregierung auf einer Pressekonferenz nach einem Anschlag an einem bekannten Rechtsextremen in den USA verlautbaren. «Politische Gewalt ist nicht der richtige Weg», stimmte…
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Schattenboxen mit der Vergangenheit
Wir brauchen keine Hoffnung, wir brauchen einfach die Wahrheit. (Albert Camus) Es ist schon zur Plattitüde geworden, dass wir in krisenhaften, umstürzlerischen Zeiten leben. Das macht es aber nicht weniger wahr: Vermeintliche politische Gewissheiten fallen in sich zusammen, während die Welt unübersichtlicher wird. Politische Prioritäten verschieben sich. Sicher geglaubte Allianzen werden brüchig. Auf dem internationalen…
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Von Marx zu den Critical Security Studies – Plädoyer für eine Neubestimmung linker Positionen zu Außen- und Sicherheitspolitik
Timemachine heißt das Online-Archiv der 1851 gegründeten New York Times. Scrollt man durch die ersten Jahrgänge fühlt es sicher eher wie eine Zeitreise ins hier und jetzt an. So berichten Korrespondenten unter Schlagzeilen wie «Military Movements in the Crimea» oder «The War in Crimea» über die Besatzung des Donaudeltas und die Bombardierung Odessas durch russländische…
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Eigenständig, aber doch zusammen! – Ansätze einer modernen sozialdemokratischen Sicherheitspolitik
Wer die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik verstehen möchte, dem genügt ein Besuch am Berliner Hauptbahnhof. Schon beim Einfahren in die gläserne Haupthalle sieht man zwei zentrale politische Orte Deutschlands: den Deutschen Bundestag sowie das Bundeskanzleramt. Nach dem Ausstieg aus dem Zug hat man zwei Möglichkeiten, den Bahnhof zu verlassen. In nördliche Richtung weist ein Schild…
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Rezension: Ein Pazifismus ohne Gegner
Ole Nymoens Essay ist zugleich besser und schlechter als seine aufgeregte Rezeption nahelegt. Seine Argumente sind in sich stimmig und komplexer, als es die platte Diskussion in den Sozialen Medien vermuten lässt. Doch vor lauter Abstraktion kommt ihm der konkrete Gegenstand im Heute abhanden. Die fehlerbehaftete, längst nicht ideale Realität der liberalen Demokratie wird ihm…
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Zwischen Kritik und Konstruktion – Gießener Tagung zum «Globalen Süden»
Um «die politische Semantik einer Himmelsrichtung» sollte es auf der zweitägigen von Claus Leggewie und Lukas Böckmann organisierten Konferenz im September an der Justus-Liebig-Universität Gießen gehen. Gemeint ist damit der Globale Süden, zu dessen Begriffs- und Ideengeschichte sich in der mittelhessischen Provinz ausgetauscht wurde. Der Begriff «Globaler Süden» – auf der Tagung meist in Anführungszeichen…