Um «die politische Semantik einer Himmelsrichtung» sollte es auf der zweitägigen von Claus Leggewie und Lukas Böckmann organisierten Konferenz im September an der Justus-Liebig-Universität Gießen gehen. Gemeint ist damit der Globale Süden, zu dessen Begriffs- und Ideengeschichte sich in der mittelhessischen Provinz ausgetauscht wurde. Der Begriff «Globaler Süden» – auf der Tagung meist in Anführungszeichen gesetzt – beschreibt eine Vielzahl von Ländern, die in irgendeiner Art unter dem Globalen Norden zu liegen scheinen: so weit, so zirkulär, und bereits bei dieser Kurzbestimmung tritt das Problem zutage. Als schematisches Hilfskonzept versucht der Begriff, sehr verschiedene ökonomische, politische und historische Gegebenheiten globalen Ausmaßes zu benennen und daraus zwei Lager zu konstruieren.
Dass die Veranstaltung ausgerichtet wurde, um den Begriff des Globalen Süden zu kritisieren, schien von Anfang an klar. Etwa wurde auf die Bemerkung eines Tagungsteilnehmers, im Raum säßen vor allem Deutsche mit inhaltlich wie sozioökonomisch ähnlichen Positionen, nur geantwortet, man hätte gerne internationale Gäste eingeladen, doch die Reisekosten seien zu hoch gewesen. Nicht nur vor diesem Hintergrund kam im Laufe der Konferenz die Frage auf, ob es sich bei der Rede vom Globalen Süden nicht eigentlich um ein Selbstgespräch im Globalen Norden handeln könnte. So merkte Lukas Böckmann an, dass der Ausdruck «Global South» zum ersten Mal 1968 von Carl Ogelsby in einer Zeitschrift der US-amerikanischen Linken verwendet wurde. Und David Kuchenbuch wies in seinem Vortrag über die Mediengeschichte der Nord-Süd-Beziehungen darauf hin, dass es ein Bremer Historiker war, der mit der Peters-Projektion bereits 1974 eine alternative Weltkarte vorstellte und damit das eurozentrische Weltbild hinterfragte. Das Reden vom Globalen Süden unter Menschen, die diesem selbst nicht angehören, scheint stets auch eine selbstvergewissernde Note zu enthalten.
Gegen diese These des Selbstgesprächs spricht eine zunehmende Aneignung des Begriffes durch die BRICS-Staaten. So stand das diesjährige Treffen des explizit in Opposition zum Westen1 gegründeten Bündnisses unter dem Motto «Strengthening Global South Cooperation for a More Inclusive and Sustainable Governance“.2 In Punkt 8 der Abschlusserklärung hieß es dann: «Wir glauben, dass die BRICS-Staaten weiterhin eine zentrale Rolle dabei spielen, die Anliegen und Prioritäten des Globalen Südens zu vertreten und eine gerechtere, nachhaltigere, inklusivere, repräsentativere und stabilere internationale Ordnung auf der Grundlage des Völkerrechts zu fördern.»3 Dieses Selbstverständnis als Schützer internationalen Rechts mutet angesichts des völkerrechtswidrigen Krieges von BRICS-Mitglied Russland freilich seltsam an – und im Schweigen zur Lage der Ukraine offenbaren die unterzeichnenden Staaten eben jene moralische Selektivität, welche sie ansonsten dem Westen vorwerfen. Aber auch abseits dieser Widersprüche hebt die positive Bezugnahme des BRICS-Bündnisses auf den «Globalen Süden“ grundlegende Probleme eben dieses Begriffes hervor. So betonte Ulrike Jureit in ihrer Keynote, dass die zum “Globalen Süden» gezählten Staaten sich in ihrer Historie, ihrem Prokopfeinkommen, ihrem Industrialisierungsgrad und in ihrer geopolitischen Einbettung stark unterscheiden. Subsumiert man sie dennoch unter einen Begriff, leidet nicht nur dessen analytische Schärfe, sondern es werden auch gegenwärtige globale Machtverhältnisse verschleiert: Laut Jureit ergibt sich die Zugehörigkeit zum Globalen Süden vor allem aus einem Selbstverständnis als Opfer des Kolonialismus. Doch wenn das der gemeinsame Nenner sein soll, dann verdeckt die Aneignung des Begriffes durch Staaten wie China deren eigene interessengeleitete – manche würden sagen: neokoloniale – Wirtschaftspolitik in Afrika. Ebenso verkomplizieren Russlands imperialer Expansionismus sowie Chinas territoriale Ansprüche auf umliegende Gebiete das klare Bild des kolonisierenden Nordens und des kolonisierten Südens. Auf Grundlage dieser Beobachtungen kritisierte Jureit die Gegenüberstellung von Globalem Süden und Globalem Norden als verkürzte Freund-Feind-Konstruktion. «Das Koloniale» als Deutungsmuster einer komplizierten Welt fungiere als kultureller Code, der ein transnationales Identifizierungs- und Solidarisierungsangebot mache und so die Zusammengehörigkeit von sehr heterogenen Ländern begründe.4 Über eine gemeinsam konstruierte Opferidentität schaffe der Begriff des Globalen Südens eine moralische Rechtfertigung für eine interessengeleitete und teils ideologisch gefärbte Bündnispolitik, wie sie sich in der BRICS-Gruppe manifestiere.
Hoffnungsträger «Dritte Welt»
Im ersten Panel der Tagung bereitete Jan Gerber eine Annäherung an den Begriff des Globalen Südens vor, indem er dessen Vorgänger, den Begriff der Dritten Welt, und seine Rezeption in der westlichen Linken beleuchtete. Gerber zeichnete nach, wie der Begriff der Dritten Welt nach seiner ersten Verwendung von Alfred Sauvy 1952 mit verschiedenen emanzipativen Hoffnungen verbunden wurde. Sauvy selbst lehnte ihn an den Begriff des Dritten Standes aus der Zeit der Französischen Revolution an und verknüpfte ihn so mit ganz ähnlichen revolutionären bis messianischen Hoffnungen. Die revolutionären Erwartungen hatte der Dritte Stand erfüllen können, die erlösenden nicht – und so setzte die Linke mit dem Proletariat auf ein neues Subjekt. Doch angesichts des autoritären Realsozialismus und spätestens nach der despotischen Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes 1956 musste ein neuer Hoffnungsträger her. In diesem Zuge – das ist Gerbers These – entwickelte sich die Dritte Welt zum Symbol für die Unterdrückten und Ausgebeuteten dieser Erde. Nicht Erste oder Zweite Welt, nicht kapitalistischer Westen oder realsozialistischer Osten, sondern blockfrei sollte der neue Hoffnungsträger sein. Lagen antikoloniale Befreiungskämpfe zunächst quer zu einem Ost-West-Denken, wurden sie später davon absorbiert und erhielten ihre antiamerikanische Schlagrichtung.5
Mit dem Ende der Blockkonfrontation und ohne Kalten Krieg verlor der Begriff der Dritten Welt an Kraft, ohne Zweite Welt die blockfreien Staaten ihren Sinn. Gleichzeitig enttarnte das Umschlagen verschiedener nationaler Befreiungsbewegungen ins autoritär-undemokratische die in sie gesetzten Hoffnungen als projektiv. Die Bezeichnung als Dritte Welt schien abgenutzt und ein neuer Begriff wurde nötig. Hier setzte Lukas Böckmann an, die Erfolgsgeschichte des Kompositums «Globaler Süden» kurz zu umreißen. Schon Carl Oglesby erkannte die Teilung der Welt in Nord-Süd als «more explosive“ als jene in West und Ost. Der Globale Süden fungierte fortan als Sammelbegriff für Länder des Trikonts. Der Süden als Metapher für ein unterentwickeltes Gebiet wurde dabei erstmals von Antonio Gramsci genutzt, um den inneritalienischen Konflikt zwischen dem industriellen Norden und dem ökonomisch rückständigen Süden zu beschreiben. Im Begriff des Globalen Südens wird diese Gegenüberstellung global verstanden und genutzt, um benachteiligte und mehrheitlich arme Regionen als Peripherie des Nordens zu beschreiben.
Der «Globale Süden» im postkolonialen Weltbild
Ein Schwerpunkt der Tagung war neben empirischer Prüfung und Begriffsgeschichte des Globalen Südens eine Kritik des Postkolonialismus sowie seines Verhältnisses zu Israel und dem Holocaust-Gedenken. Angesichts gegenwärtiger Gedächtniskonkurrenzen – die auch vom rechtskonservativen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer angetrieben werden – ist das ein nachvollziehbarer Fokus. Zugleich scheint «der Postkolonialismus» für manche Anwesende zum Feindbild zu taugen, was dem eigentlichen Anlass der Tagung nicht immer zuträglich war. Dennoch überzeugte beispielsweise Monika Albrechts Feststellung, der Postkolonialismus essentialisiere bestimmte koloniale Wirkweisen, wie die kulturelle Konstruktion des Anderen, als inhärent «westlich» und sei dadurch blind gegenüber anderen Unterdrückern und anti-westlichen Ressentiments.
Zudem behandelten mehrere Referent:innen das Thema der Holocaust-Erinnerung in der postkolonialen Welt. Vor dem Hintergrund des sogenannten zweiten Historikerstreits über die Singularität der Shoah plädierten die Tagungsteilnehmer:innen für ein Festhalten an der Präzedenzlosigkeitsthese. Jureit verwies auf verschiedene Lagertypen während Kolonialismus und Shoah, und Steffen Klävers betonte die besondere Rolle des Vernichtungsantisemitismus, der allein den Völkermord an den europäischen Juden:Jüdinnen kennzeichnet. Das Gleichsetzen von Shoah und Kolonialverbrechen als machtpolitische Strategie im Kampf um Anerkennung entbehrt analytischer Schärfe und birgt realpolitische Gefahren: So ermöglicht es in Kombination mit der – historisch umstrittenen – Einordnung des Staates Israel als Kolonisator die im Kontext des Gaza-Krieges immer wieder auftauchenden Vergleiche zwischen Israel und dem NS-Regime. Israel wird dabei als Vertreter des Globalen Nordens imaginiert und der Nahost-Konflikt zu dem entscheidenden Schauplatz des Nord-Süd-Konfliktes stilisiert: Jeder Angriff auf Israel erscheint als dekolonialer Akt und Aufstand gegen den Faschismus. In Annika Padoans Vortrag wurden diese Deutungsmuster historisch beleuchtet; sie zeigte die Paradoxien von Erinnerungskonkurrenzen am Beispiel des Prozesses gegen NS-Verbrecher Klaus Barbie 1987 auf: Die Verteidigungsstrategie seines Anwalts Jacques Vergès bestand darin, die Gräueltaten der Nationalsozialisten gegen koloniale Massenverbrechen auszuspielen. Die Mehrheit der Konferenzteilnehmer:innen stand dabei dem durch Michael Rothberg geprägten Konzept der «multidirektionalen Erinnerung“ skeptisch gegenüber.6 Dieses würde, so die Kritik, die Präzedenzlosigkeit der Shoah in Abrede stellen. Die Hoffnung aber, dass eine Form der multidirektionalen Erinnerung auch ohne die Aufgabe der Präzendenzlosigkeitsthese möglich ist, möchten die Autor:innen dieses Berichts nicht aufgeben. Vielleicht wäre die Ergründung einer solchen Möglichkeit für die Tagung produktiver gewesen als eine doch schnell komfortabel wirkende einseitige Postkolonialismus-Kritik. Bündnispolitik, wie sie sich in der BRICS-Gruppe manifestiere.
Empirischer Gehalt des Begriffes
Doch was tun mit dem Globalen Süden? Könnte trotz aller Probleme mit dem Begriff produktiv gearbeitet werden? Steffen Bauer und Jonas Kreienbaum untersuchten in einem weiteren Panel seinen empirischen Gehalt. Kreienbaum zeigte am Beispiel Sambias einen typischen Prozess ökonomischer Dekolonisierung auf, welcher nach einer Phase des wirtschaftlichen Booms infolge der formalen Unabhängigkeit häufig in Wirtschaftskrisen einen jähen Stopp nahm. Staaten mussten, um Kredite von IWF und Weltbank zu erhalten, deren neoliberale Strukturanpassungsprogramme umsetzen, welche neue Dependenzen förderten. Die wirtschaftliche Dekolonisierung schlägt mittelfristig in ihr Gegenteil um: Statt relativer Autonomie entstehen neokoloniale Abhängigkeiten. Bauer untersuchte die ökologische Krise und scheint weiteren empirischen Gehalt für den Begriff zu finden. Er stellte fest, dass Staaten, die dem Globalen Süden zugerechnet werden, bei historisch geringen Treibhausgasemissionen oft von der Klimakrise besonders betroffen sind. In der Benennung dieser beiden Faktoren scheint der Begriff also einen Geltungsanspruch stellen zu können. Dagegen spricht, dass nicht alle Staaten gleichermaßen betroffen sind: Die sogenannten “Tigerstaaten» (Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur) sowie China entgingen größeren Wirtschaftskrisen und damit der neoliberalen Schocktherapie des IWF. Auch sind die ebenfalls dem Globalen Süden zugerechneten OPEC-Mitgliedstaaten heute für einen großen Anteil der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich und blockieren den internationalen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Die Rede vom Globalen Süden ersetzt zudem verschiedene andere Begriffe – Dritte Welt, Peripherie, Globalisierungsverlierer, Entwicklungsländer, Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen – und meint zugleich: nicht westlich. Der Begriff soll zu viele Dimensionen auf einmal abdecken. Obwohl er einen gewissen empirischen Gehalt birgt, disqualifiziert er sich, das hat die Tagung gezeigt, für eine wissenschaftliche Anwendung und eine präzise Beschreibung globaler Ungerechtigkeit. Die Phänomene, um die es geht, existieren wirklich. Zu ihrer Beschreibung existieren ebenfalls Begrifflichkeiten, die den jeweils zu beschreibenden Sachverhalt präzise erfassen können. Die Rede vom Globalen Süden aber bietet einen begrifflichen Komfort und steht notwendigen Differenzierungen im Weg.
Für ein abschließendes Resümee der Tagung soll auf den bisher noch nicht genannten Vortrag von Georg Simmerl eingegangen werden: Dieser rekonstruiert den Antisemitismus-Skandal der documenta fifteen und analysiert, wie der Globale Süden in der Debatte mal als Akteur, mal als Angriffsziel und mal als Phantasma auftrat. In Bezug auf die Gießener Konferenz könnte man nun sagen: Während die analytische Kritik am Globalen Süden als Begriff überzeugt, konstruiert die moralische Kritik am Globalen Süden als scheinbar einheitlichem Akteur in der Diskussion um Holocaust-Erinnerung ihn erneut – auch als Angriffsziel und Phantasma.
- Interessanterweise eben zum Westen, nicht zum Norden – wie man an der Mitgliedschaft Russlands sieht.
- BRICS: Rio de Janeiro Declaration – Strengthening Global South Cooperation for a More Inclusive and Sustainable Governance, Rio de Janeiro, 06. Juli 2025.
- Ebd.; Übersetzung d. Verf.
- Siehe auch Ulrike Jureit, “Das Koloniale als kultureller Code». In: Historische Zeitschrift 319/2024. https://doi.org/10.1515/hzhz-2024-0034 (open access).
- Dazu bereits Jan Gerber: Das letzte Gefecht. Die Linke im Kalten Krieg. Berlin 2022.
- Michael Rothberg: Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung. Berlin 2021.