»Wenn 30 Prozent diese Partei wählen, können wir nicht auf Dauer so tun, als wäre das die Ausgeburt der Hölle« und »Wahrscheinlich wäre es sogar einfacher, wenn, wie in Dänemark, Sozialdemokraten die Ersten wären, die auch mit den Rechtspopulisten bei bestimmten Themen zusammenarbeiten, die unsere Wähler heute in deren Arme treiben« sind zwei Äußerungen, die Torsten Albig gegenüber der *Neuen Osnabrückerzeitung* am 23.05.26 getätigt hat. Er will damit für einen Kurswechsel der SPD werben, der nach den Landtagswahlen in einer Tolerierung von Minderheitsregierungen durch die AfD mündet.1 Vgl. Ulrike Tschirner und dpa, „Brandmauer zur AfD: Ex-Ministerpräsident Torsten Albig rät SPD zu Zusammenarbeit mit AfD“, Die Zeit (Hamburg), 23. Mai 2026, https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-05/brandmauer-afd-torsten-albig-zusammenarbeit-spd.
Etwas mehr als zwei Wochen vor dieser Aussage hat der Instagram-Account der SPD am 8. Mai ein Bild des zerstörten Brandenburger Tors gepostet, auf dem »NIE WIEDER.« zu lesen ist. In der Bildunterschrift steht dazu: »Seit 163 Jahren kämpfen wir als SPD gegen rechte Hetze, Faschismus und Menschenfeindlichkeit. Dieser Auftrag gilt – an jedem Tag.«
Albig beschwört eine Zusammenarbeit mit Rechtspopulist*innen, damit der SPD ihre Wähler*innen nicht zur AfD weglaufen. Er möchte die SPD so vor dem Ende ihrer Geschichte bewahren. Die SPD beruft sich zeitgleich auf die eigene Geschichte, die sie als Kampf gegen Faschismus und Menschenfeindlichkeit begreift.
Es geht mir im Folgenden nicht darum, Torsten Albig eine rechtspopulistische Gesinnung zu unterstellen. Es geht mir auch nicht darum, der SPD und ihren Mitgliedern abzusprechen, eine antifaschistische Einstellung zu haben. An dem Kontrast zwischen Albigs Aussage und dem Selbstverständnis der SPD, welches aus dem Zitat zum 8. Mai herauszulesen ist, lässt sich jedoch ein grundlegendes Problem der SPD zur eigenen Geschichte und zur Theorie des Faschismus erkennen, die problematisiert werden müssen, will die SPD ihr »Nie wieder« ernst nehmen.
Erinnern, ritualisieren, fetischisieren – die Entleerung der eigenen Geschichte
Die SPD liebt ihre eigene Geschichte. 1875 auf einem Kongress vom 22. bis zum 27. Mai aus dem *Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein *und der *Sozialdemokratischen Arbeiterpartei hervorgegangen,* ist sie die mit Abstand älteste Partei im deutschen Parteiensystem. Das Programm, die Ziele und Politiken der SPD haben sich in den über 150 Jahren ihrer Geschichte verändert, sie hat sich mehrmals gespalten, wurde verboten und verfolgt, hat ihre Haltung zu Staat und bürgerlicher Gesellschaft gewandelt und ist gerade nach 1945 zu einem zentralen Bestandteil der BRD geworden.
Das »Erinnern«2 Hier absichtlich in Anführungszeichen gesetzt. an die eigene Geschichte kann für die SPD und ihre Mitglieder als zentral identitätstiftend bezeichnet werden. Doch kann man sich in unterschiedlicher Weise auf die eigene Vergangenheit beziehen. Man kann sie e*rinnern*, man kann sie *ritualisieren* und man kann sie *fetischisieren*. Die SPD tut ihrer eigenen Geschichte die beiden letztgenannten Praktiken an, was ins Zentrum des oben aufgeworfenen Kontrastes führt.
Geschichte als Ritus
Einmal jährlich werden in den Ortsvereinen und Unterbezirken der SPD Urkunden und Nadeln verteilt. Mit ihnen werden Genoss*innen geehrt, die 10, 25, 40, 50, und so weiter Jahre Mitglied der SPD sind. Gerade auf die hohen Zahlen der Mitglieder der Ära Willy Brandt ist man besonders stolz und bekommt ein wohliges Gefühl, wenn mal wieder von »Willy wählen« die Rede ist.
Die eigene Geschichte wird von der SPD immer wieder als Ritus wiederholt, und damit sticht sie vermutlich nicht nur ihres Alters nach aus der deutschen Parteienlandschaft heraus. Da ist das obligatorische Singen der Internationalen – zugegeben eher eine Juso-Tradition – oder anderer Arbeiter*innenlieder. Die Postings in den sozialen Netzwerken zum 1. Mai, zum 8. Mai und zum 3. Oktober gehören genauso dazu, wie das Beschwören der antifaschistischen Vergangenheit, wenn man sich gegen die AfD und andere Rechtsextreme auf Demos trifft oder zu ihnen aufruft. Man geht zur 1.-Mai-Demo genauso auf die Straße wie – weniger zahlreich – zum 8. März. In vielen SPD-Unterbezirken und Ortsvereinen gibt es Chroniken, die meist weit vor den 1. Weltkrieg zurückreichen. Auch die klassische Fahne mit dem Lorbeerkranz und den Grundwerten *Solidarität, Freiheit und Gerechtigkeit* findet sich in den meisten Parteikellern, oft mit Geschichten darüber, wie sie vor den Nazis versteckt und somit gerettet wurde.
All das, die Verbundenheit mit der eigenen Geschichte, ist nicht zwangsläufig etwas Schlechtes. Wie ich später argumentieren möchte, bin ich der festen Überzeugung, dass es etwas Gutes ist. Doch die Art und Weise, wie die SPD ihre eigene Geschichte ritualisiert hat, verstümmelt sie. Geschichte, die zur eigenen Identitätsbildung in immer gleicher Weise, nach den immer gleichen Mustern, eben nach dem immer gleichen Ritus aufgeführt wird, wird zum Symbol. Das Symbol schiebt sich dabei vor das, was symbolisiert wird. Ein gelbes Dreieck mit einem Ausrufezeichen in der Mitte symbolisiert Gefahr. Die Gefahr, die dabei symbolisiert wird, bleibt jedoch über das Symbol nicht erreichbar. Das Symbol alleine gibt mir nur die Auskunft, die es einmal beinhaltet hat, darüber hinaus bleibt es stumm. Man könnte auch sagen, das Symbol verfestigt das, was es symbolisiert.
Geschichte ist jedoch nichts Verfestigtes, nichts Statisches. Insbesondere das Erinnern an Geschichte ist es nicht. Zum einen ist die »Datenlage« in der Geschichte volatil und prekär. Haben wir wirklich alle Daten, um sie zu rekonstruieren? Kommen vielleicht in Zukunft noch neue Daten zum Vorschein? Zum anderen ist Geschichte grundlegend an die Gegenwart gekoppelt. Sie kann nur aus dem Kontext der eigenen Gegenwart rekonstruiert werden.
Die Ritualisierung der Geschichte, als Symbolisierung stellt die eigene Geschichte dabei fest und verfestigt damit auch die daraus gewonnene Identität. Aber nur tote Dinge bleiben, was sie einmal waren, nämlich tot, und so ist die Ritualisierung der Geschichte ihre Ermordung.
Geschichte als Fetisch
Die Liebe zu unbelebten Objekten ist ein Fetisch. Die Ermordung der eigenen lebendigen Geschichte durch die SPD, die rituelle Versymbolisierung der eigenen Vergangenheit und das gleichzeitige konstante Anrufen dieser Identität bilden ein solches libidinöses Verhältnis zum toten Objekt.
Das hat jedoch grundlegende Konsequenzen für diejenigen, die sich im Fetisch der eigenen Vergangenheit, der eigenen Identität versichern wollen. Denn was ihnen dort zurückkommt, was sie vom Symbol gespiegelt bekommen, ist nur das, was einmal hineingelegt worden ist, und selbst das wird nicht mehr als lebendig erlebt, sondern nur noch als Totenmaske übergestreift. Das Resultat dieses erinnerungspolitischen Totentanzes der Sozialdemokratie ist die inhaltliche Entleerung ihrer Politik. Dadurch entsteht jedoch ein grundlegendes Problem im Kampf gegen die AfD, den Rechtspopulismus und – wenn man will – einen neuen Faschismus.
Inhaltlich entleert ist die Politik, die aus diesem Verhältnis zur eigenen Geschichte entspringt, weil sie sich gleichzeitig grundlegend auf sie beruft. Gerade die letzten 30 Jahre, beginnend mit der Übernahme des neoliberalen Staffelstabes durch die Ära Schröder und der – mit Ausnahme von Schwarz-Gelb – konstanten Beteiligung der SPD an der Regierung in den letzten 30 Jahren, werden der eigenen Geschichte einfach als Grabbeilagen hinzugefügt. Es ist dabei kein Wunder, dass es zum einen immer noch keine kritisch reflexive Aufarbeitung der eigenen Beteiligung an der Entstehung der Grundlage für den Erfolg der AfD gibt und gleichzeitig mantraartig in der Partei beschworen wird, sich nicht zu viel mit sich selbst zu beschäftigen.
Die Beschäftigung mit sich selbst ist dabei auch schlicht keine politische inhaltliche Auseinandersetzung, sondern meist ein reines: Wer darf dazugehören, wer darf sich auf die Geschichte der Partei berufen und damit seine Identität als aufrechter Sozialdemokrat festigen?
Und so kommt es dann auch dazu, dass innerhalb von etwas mehr als zwei Wochen die SPD mit Verweis auf ihre 163 Jahre Geschichte ein »Nie wieder« postet sowie eine direkte Zusammenarbeit gefordert werden kann. So kommt es, dass man einen Stand am 1. Mai aufbaut und gleichzeitig den 8-Stunden-Tag infrage stellt. So kommt es, dass man sich für Vielfalt und eine inklusive antirassistische Gesellschaft einsetzen kann und dennoch die Rechtsbrüche an der deutschen und europäischen Außengrenze hinnimmt. So kommt es, dass dieses Hinnehmen und der Anti-Migrations-Kurs von Albig danach auch noch indirekt als »Wir haben verstanden« bezeichnet wird.
Dabei ist die fetischisierte Geschichte, aus der die eigene statische Identität geschöpft wird ein Grund dafür, dass die SPD ihre Rolle im autokratischen Umbau dieser Gesellschaft nicht reflektieren kann. Denn wie kann eine Partei, die 163 Jahre gegen Rechts gekämpft hat, plötzlich den Rechten den roten Teppich ausrollen?
Kritisch-reflexives Erinnern an die Geschichten
Dem Entgegensetzen muss man ein ernsthaftes Erinnern. Eines, welches die eigene Geschichte nicht zum Symbol verstümmelt, sondern sie als lebendig und sich verändernd wahrnimmt. Das wäre ein Erinnern, in dem Traditionen durchaus einen positiven Zug haben könnten, indem sie selbst Räume der Reflexion und des Lernens öffnen. Indem die eigene Geschichte nicht als Mantra, sondern als Auftrag verstanden wird; indem die eigene Geschichte auf Fehler, Irrtümer und Ausschlüsse befragt wird, lässt sich eine sozialdemokratische Identität erzeugen, welche sich selbst immer wieder öffnet und aktualisiert. Der Kreis des eigenen ehemaligen Personals ist kein Olymp. Die eigene Vergangenheit ist keine Schöpfungsgeschichte, die als gut zu erkennen ist.
Der Faschismus, von dem die SPD in ihrem Post redet, ist keine Anomalie der Moderne, kein Ausnahmefall3 Wenn auch Ausnahmezustand. der Geschichte. Der Faschismus und auch der aktuelle Autoritarismus – ob man ihn nun Faschismus nennen will oder nicht – sind Teil und Konsequenz der Moderne. Sie sind Reaktionen und Kontinuitäten der Gesellschaften, die sie hervorbringen. Jede antifaschistische Kraft, die nicht absolut außerhalb jeden gesellschaftlichen Zusammenhangs steht – und wie sollte das möglich sein – muss sich daher selbstkritisch auf Autoritarismen befragen. Wenn der Faschismus und der neue Autoritarismus Fortführungen bestehender Logiken und nicht grundlegende Brüche mit ihnen sind, muss sich der Kampf gegen sie mit der eigenen Verstrickung in die gleichen Logiken befassen.
Das setzt jedoch grundlegend ein kritisch-refelxives Erinnern der eigenen Geschichte und damit der eigenen Identität voraus. Dazu ist die SPD momentan nicht in der Lage. Deswegen ist es am Ende möglich, »Nie wieder« zu sagen und über eine Zusammenarbeit mit der AfD nachzudenken.
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