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Elitenkritik bei Viktor Orbán – klar populistisch, aber auch antisemitisch?

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«Gemeinsam haben wir Ungarn befreit» – mit diesen Worten trat der damalige Oppositionsführer Péter Magyar am 12. April 2026 vor seine Anhänger*innen in Budapest.1 Bayer, F.; Brüggmann, M. (2026): Parlamentswahlen in Ungarn. «Wir haben Ungarn befreit», https://taz.de/Parlamentswahlen-in-Ungarn/!6170076/ (abgerufen am 17.05.2026). Befreit von Viktor Orbán, der 16 Jahre lang die Regierungsgeschäfte in dem Land führte. Mit 136 von 199 Mandaten für Magyars Tisza-Partei besteht für Orbán keine große Hoffnung mehr, in den kommenden Jahren Einfluss im Land auszuüben. Und während sich in den vergangenen Wochen und Monaten die Analysen dieses historischen Umbruchs in Ungarn häufen, soll im Folgenden vielmehr ein Blick zurückgeworfen werden.

Die Zahl der Vergehen, mit denen der ehemalige ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán für negative Schlagzeilen sorgte, ist groß. Korruption, ein unverhohlener EU-Hass und immer wieder populistische Rhetorik wie aus dem Lehrbuch. Etwas an Aufmerksamkeit verloren, aber doch in den letzten Jahren allgegenwärtig, sind jedoch auch Orbáns mal mehr, mal weniger deutliche Tendenzen in Richtung Antisemitismus. Seine populistische Rhetorik – überwiegend geprägt durch Anti-Eliten-Narrative – ist an vielen Stellen offen für antisemitische Deutungen, mitunter bedient sie sich auch eindeutiger antisemitischer Narrative. Deren öffentliche Problematisierung scheint jedoch in den vergangenen Jahren abgenommen zu haben. Es mag fast selbstverständlich geworden sein, dass die von Orbán so umfangreich bediente Elitenkritik immer wieder einen leichten antisemitischen Unterton mit sich trägt. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass diese Tendenzen bei Viktor Orbán keineswegs Einzelfälle darstellen und zugleich auf ein Problem verweisen, das über seine Person hinausreicht.

Es gibt nur Gut und Böse – Volk und Elite

Auch wenn sich in der Frage, was Populismus eigentlich überhaupt ist, kaum jemand einig zu sein scheint, können sich die meisten Definitionen doch auf eine Sache festlegen: Im Populismus stehen sich zwei antagonistische Gruppen gegenüber – das ‚einfache Volk‘ und die ‚korrupte Elite‘.2 Mudde, C. (2004): The Populist Zeitgeist. Government and Opposition 39(4), S. 541-563. In dieser normativen Unterscheidung, die deutlich in das gute, moralisch reine Volk und die unmoralische, böse Elite trennt, offenbart sich nicht zuletzt das manichäische Weltbild der Populist*innen.[mfn] Mudde (2004), Fn. 2; Müller, J.-W. (2017): Was ist Populismus? Zeitschrift für Politische Theorie 7(2), S. 187–201. [/mfn] Wer oder was ‚die Elite‘ ist, wird von den Populist*innen (je nach Belieben) bestimmt. In der Regel handele es sich jedoch um Institutionen und Menschen mit Macht, besonders beliebt sind das politische Establishment, eine diffuse wirtschaftliche, kulturelle oder Medienelite.3 Mudde, C.; Kaltwasser, C. R. (2013): Populism. In: M. Freeden; M. Stears (Hg.), The Oxford Handbook of Political Ideologies. Oxford University Press, S. 493–512. Bei Viktor Orbán sind es vor allem die Europäische Union (von ihm gerne bezeichnet als ‚Brusselite‘), Nichtregierungsorganisationen und natürlich George Soros, auf den im Folgenden noch näher eingegangen wird.

Viktor Orbán war in den vergangenen Jahren der Populist schlechthin. Und das, obwohl er – im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Populist*innen – durchgängig politische Machtfunktionen ausübte. Ungarn unter Orbán ist daher das am längsten bestehende Beispiel für zeitgenössischen Populismus in der Regierung innerhalb der euro-atlantischen Welt.4 Kalmar, I. (2020): Islamophobia and anti-antisemitism: The case of Hungary and the ‘Soros plot’. Patterns of Prejudice 54(1–2), S. 182–198. Das lässt ihm eine Sonderrolle zukommen, da es ihm trotz politischer Führungsposition gelang, sich selbst aus der ‚Elite‘ zu exkludieren. Wie in insbesondere postkommunistischen osteuropäischen Ländern gängig,5 Mudde; Kaltwasser (2013), Fn. 4. definiert Orbán ‚die Elite‘ daher in erster Linie anhand ökonomischer Macht. Seine Feindbilder wechselten – den nun verlorenen Wahlkampf bestritt Orbán vor allem mit Ukraineabneigung und Brüsselhass.6 Hodali, D. (2026): Ungarn wählt. Schicksalswahl für Orbán – und für die EU https://www.deutschlandfunk.de/ungarn-parlamentswahl-2026-orban-magyar-eu-100.html (abgerufen am 17.05.2026). Erfolgreich war das diesmal nicht mehr, in den 16 Jahren zuvor jedoch schon.

George Soros: Orbáns Lieblingsfeindbild

Neben dem seit Jahren bestehenden Feindbild einer ‚Brusselite‘, überdauert ein weiterer Sündenbock schon deutlich mehr als ein Jahrzehnt: George Soros. Der jüdische Hedgefonds-Manager und Holocaustüberlebende ungarischer Herkunft7 Subotic, J. (2022): Antisemitism in the global populist international. The British Journal of Politics and International Relations 24(3), S. 458–474. wurde von Orban sogar für eine eigene Plakatkampagne vereinnahmt. Die Anti-Soros-Kampagne erreichte 2017 ihren Höhepunkt, als Soros‘ Gesicht in ganz Ungarn von den Wänden schien mit den Worten ‚Lassen wir es nicht zu, dass Soros zuletzt lacht!‘. Nicht selten befanden sich auf den Plakaten auch antisemitische Schmierereien.8 Bakos, P. (2017): Eine Regierungskampagne gegen US-Milliardär Soros erhitzt die Gemüter der Ungarn. https://www.mdr.de/nachrichten/welt/osteuropa/ostblogger/anti-soros-kampagne-in-ungarn-100.html (abgerufen am 17.05.2026). Und damit wären wir auch beim Thema Antisemitismus. Denn dieser ist – nicht ausschließlich, aber zu größeren Teilen – bei Viktor Orbán häufig verknüpft mit Soros.

Orbán stellt Soros als Nummer-eins-Feind der Ungarn dar, der für alles Übel verantwortlich und das Böse schlechthin sei.9 Orbán, V. (2024): Speech by Prime Minister Victor Orbán at the »Peace March”. https://miniszterelnok.hu/en/speech-by-prime-minister-victor-orban-at-the-peace-march/ (abgerufen am 14.03.2026). Ein zentrales Instrument sind dabei sprachliche Formulierungen wie die abwertende Bezeichnung ‚Uncle Georgie‘, die Bezeichnung der Opposition als ‚Soros’s agents‘ oder die wiederkehrende Betonung eines ‚Soros network‘, mitunter auch als ‚mafia network‘ diffamiert.10 Orbán, V. (2017): Prime Minister Viktor Orbán’s speech at the closing event for the National Consultation. https://2015-2019.kormany.hu/en/the-prime-minister/the-prime-minister-s-speeches/prime-minister-viktor-orban-s-speech-at-the-closing-event-for-the-national-consultation (abgerufen am 24.05.2026); Orbán, V. (2018): Orbán Viktor’s ceremonial speech on the 170th anniversary of the Hungarian Revolution of 1848. https://abouthungary.hu/speeches-and-remarks/orban-viktors-ceremonial-speech-on-the-170th-anniversary-of-the-hungarian-revolution-of-1848 (abgerufen am 14.03.2026); Orbán, V. (2025): Prime Minister Viktor Orbán’s »State of the Nation” address. https://abouthungary.hu/speeches-and-remarks/prime-minister viktor-orbans-state-of-the-nation-address-67bc467d2832d (abgerufen am 24.05.2026). Orbán macht Soros insbesondere für drei Dinge verantwortlich: die Schädigung Ungarns durch finanzielle Ausbeutung und die Finanzierung seiner Feinde, die Steuerung der Europäischen Union und der ungarischen Opposition sowie die bewusste Lenkung der Migrationsströme der 2010er-Jahre. Insbesondere der finanzielle Aspekt zielt darauf, Soros als Vertreter einer Finanzelite darzustellen, die dem unschuldigen ungarischen Volk das Geld aus der Tasche ziehen und mit diesem spekulieren würde.11 Orbán (2017), Fn. 11; Orbán, V. (2020): Prime Minister Viktor Orbán’s »State of the Nation” address. https://2015-2019.kormany.hu/en/the-prime-minister/the-prime-minister-s-speeches/prime-minister-viktor-orban-s-state-of-the-nation-address-2020 (abgerufen am 24.05.2026). Dieses Narrativ ist direkt anschlussfähig an das antisemitische Ressentiment eines gierigen, jüdischen Bankiers, der durch seine Finanzmacht politische Prozesse beeinflusse. Des Weiteren warf Orbán in seinen Reden George Soros vor, die ungarische Opposition zu steuern, so sprach er bei oppositionellen Kandidat*innen von «Soros candidate[s]»[mfn] Orbán (2018), Fn. 11. [/mfn] und bezeichnet Soros als ihren Meister, dem sie insgeheim dienen würden.[mfn] Ebd. [/mfn] Immer wieder zielte Orbán in der Vergangenheit darauf ab, Soros als Gesicht einer im Hintergrund agierenden, Strippen ziehenden Elite zu diffamieren, die dem guten Volk Böses wolle. Er verbreitete den Mythos eines ‚Empire of George Soros‘, bestehend aus einem internationalen Netzwerk aus ausländischen Konzernen, bezahlten Aktivist*innen, NGOs und wahlweise auch Brüssel und Washington.12 Ebd.; Orbán, V. (2025), Fn. 11. Dieser Bezug auf eine vermeintliche Weltverschwörung ist nicht nur ein typisch populistisches Element, sondern ein gängiges antisemitisches Narrativ, welches vor dem Hintergrund des Bezugs auf eine jüdische Einzelperson nur noch mehr ‚antisemitischen Beigeschmack‘ erhält. Mehrfach stellte Orbán einen Zusammenhang von Soros und der EU her, warf Brüssel regelmäßig vor, von George Soros gesteuert zu werden und bezeichnete EU-Politiker*innen als «Soros Plan’s generals»13 Orbán (2024), Fn. 10. .

Zum Zusammenhang von Populismus und Antisemitismus

Dieser bei Orbán zu beobachtende Zusammenhang von populistischen Narrativen und antisemitischen Ressentiments lässt sich auch abstrakt darstellen. Insbesondere die Fokussierung auf eine vermeintliche Elite verbindet beides miteinander. Der Antisemitismus, der als welterklärende Ideologie nicht nur wandelbar, sondern mitunter in sich widersprüchlich ist und auf einfache Freund-Feind-Erzählungen zurückgreifen kann, eignet sich perfekt zur Konstituierung einer ‚bösen Elite‘.14 Subotic, J. (2022): Antisemitism in the global populist international. The British Journal of Politics and International Relations 24(3), S.458–474. Er bietet eine optimale Vorlage für Populist*innen, egal mit welchem Ziel oder politischer Ausrichtung bzw. Anknüpfung.

Darüber hinaus identifiziert die Politikwissenschaftlerin Claire Burchett in einem Paper aus dem Jahr 2025 vier zentrale Gemeinsamkeiten von antisemitischen Ressentiments und populistischen Elitennarrativen: Erstens werde Juden vorgehalten, unglaubliche Macht und Kontrolle zu haben, ebenso wie der Elite im Populismus politische und finanzielle Macht zugeschrieben werde. Zweitens werden Juden und die Elite als gierig und selbstsüchtig dargestellt. Weiterhin seien Juden – ebenso wie die populistisch geframete Elite – böswillig, korrupt und in geheime Verschwörungen involviert. Und viertens würden Juden als illoyal gegenüber der Nation gesehen, so wie die Elite als illoyal gegenüber dem wahren Volkswillen dargestellt werde.15 Burchett, C. (2025): Of the people and the elite? The strategic framing of Jews, antisemitism, and Israel by the AfD and the FPÖ. Party Politics, S. 1–11. Die Anknüpfungspunkte sind also zahlreich und werden in Orbáns Rhetorik immer wieder deutlich.

Denn auch ohne den Bezug auf George Soros ist Orbáns Rhetorik regelmäßig anschlussfähig für antisemitische Deutungen. Er nutzte den Elitenbegriff in der Vergangenheit insbesondere zur Feindbildzeichnung einer ‚globalen Elite‘ bzw. ‚supranationalen und antidemokratischen Kräften‘, die dem Willen des nationalen ungarischen Volks entgegenstehen.16 Orbán (2017), Fn. 11; Orbán (2018), Fn. 11. Mitunter sprach er von «globalist wheeler-dealing»17 Orbán (2020), Fn. 12. und «external forces and international powers»18 Orbán (2018), Fn. 11. . Solche Narrative sind anschlussfähig für antisemitische Deutungen, wonach Juden eine geheime Weltmacht bilden würden und im Hintergrund die Strippen ziehen. Auch die Betonung von internationalen und von außen wirkenden Kräften ist, auf Grund der vielfachen Darstellung von Juden als anti-national und ‚globalistisch‘, anschlussfähig für antisemitische Deutungen.19 Rensmann, L. (2011): «Against Globalism»: Counter-Cosmopolitan discontent and Antisemitism in Mobilizations of European Extreme Right Parties. In: L. Rensmann; J. H. Schoeps (Hg.), Politics and Resentment: Antisemitism and Counter-Cosmopolitanism in the European Union. Bd. 14, Brill, S. 117–146; Wodak, R. (2018): The Radical Right and Antisemitism. In: J. Rydgren (Hg.), The Oxford Handbook of the Radical Right. Bd. 1, Oxford University Press, S. 61–85. Insbesondere die folgende Aussage aus dem Jahr 2018 offenbart, wie nah sich populistische Elitennarrative und Antisemitismus in vielerlei Hinsicht bei Viktor Orbán sind:

«we must fight against an opponent which is different from us. Their faces are not visible, but are hidden from view; […] they are not national, but international; they do not believe in work, but speculate with money; they have no homeland, but feel that the whole world is theirs.».20 Orbán (2018), Fn. 11.

Darüber hinaus werden mit Blick auf das Thema Migration antisemitische Tendenzen Orbáns deutlich. Orbán bezieht sich – auch mit Bezug zu George Soros – mehrfach auf die Verschwörungstheorie des Großen Austauschs, etwa indem er von dem ,Soros Plan‘ als «the planned settlement of foreign population groups»21 Orbán (2020), Fn. 12. spricht. Erst 2024 behauptete Orbán im Hinblick auf einen möglichen Krieg gegen Russland, dass es bereits seit 30 Jahren Soros‘ Ziel sei, dass ungarische Menschen in einem möglichen Krieg gegen Russland sterben und «those whose lives are lost can be replaced by migrants»22 Orbán (2024), Fn. 10. .

Nicht nur ein Orbán-Problem

Ob mit Bezug zu George Soros oder dem bloßen Bedienen gängiger Narrative, Orbáns populistische Elitenkritik ist an vielen Stellen anschlussfähig für antisemitische Deutungen, beinhaltet gar expliziten Antisemitismus. Dass dies jedoch nicht nur ein Orbán-spezifisches Problem ist, wird nicht zuletzt auf Grund der ideologischen Nähe von Populismus und Antisemitismus deutlich. Populistische Elitennarrative laufen Gefahr, schnell in blanken Antisemitismus abzurutschen. In Anbetracht der Historie des Antisemitismus als gängige Verschwörungserzählung sowie seit Jahrhunderten existierenden Mythen ist das wenig überraschend. Umso wichtiger ist es, dass auch eine linke Gesellschaftskritik achtsam bleibt, um nicht in personalisierende und potenziell antisemitische Elitennarrative zu verfallen.

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