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Überreichtum und politische Ohnmacht

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Ein zentraler Grundsatz des deutschen Wahlrechts lautet, dass jede Stimme das gleiche Gewicht hat. So steht es inArtikel 38 des Grundgesetzes – und so versteht sich die Demokratie selbst. Der Anspruch ist eindeutig: Politischer Einfluss soll nicht von Einkommen, Vermögen oder sozialem Status abhängen.

Soweit das Versprechen.

Denn was formal gilt, wird materiell zunehmend unterlaufen. Wer über extremen Reichtum verfügt, kann nicht nur an der Wahlurne Einfluss ausüben, sondern auch über exklusive Netzwerke, Medienzugänge und Lobbystrukturen. Vermögen kann in der Regel nicht direkt politische Entscheidungen kaufen, aber es ermöglicht indirekten Zugang, Aufmerksamkeit und Deutungsmacht.

Unsere Demokratie erscheint auf dem Papier weiterhin formal gleich, ist aber faktisch ungleich. Überreichtum ist damit nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein demokratisches Problem.

Die extreme Konzentration von Reichtum

In Deutschland nimmt die Konzentration von Vermögen an der oberen Spitze der Verteilungspyramide extrem schnell zu.

Jedes Jahr werden neue Rankings veröffentlicht, in denen die Anzahl und das Vermögen der reichsten Deutschen geschätzt werden. Auch wenn in den Listeneinige der reichsten Familien fehlen1 Insbesondere weil die Milliardärsfamilien mit rechtlichen Schritten gegen eine Veröffentlichung gedroht haben. Vgl. Julia Jirmann / Christoph Trautvetter: «Milliardenvermögen in Deutschland. Lücken der Reichtumserfassung und -besteuerung – Vorschlag für einen alternativen Reichtumsbericht». In: Forschungsförderung der Hans Böckler Stiftung, Working Paper 316, 2023. , zeigt sich ein klarer Trend: Es gibt immer mehr Milliardär*innen, und sie werden immer reicher.

Laut dem *Manager Magazin* stieg die Zahl der Milliardär*innen in Deutschland von 159 im Jahr 2015 auf 256 im Jahr 2025 (ein Plus von 61 Prozent).2 Vgl. Manager Magazin: «Die reichsten Deutschen», https://www.manager-magazin.de/thema/die-reichsten-deutschen/ (Zugriff: 13.05.2026). Das Vermögen der zehn reichsten Deutschen wuchs im selben Zeitraum von 152,5 auf etwa 255,3 Milliarden Euro (ein Plus von 67 Prozent).3 Vgl. Christoph Neßhöver: «Wie die reichsten Deutschen ihren Reichtum mehrten». In: Manager Magazin, 12.10.2015, https://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/die-reichsten-deutschen-2015-die-top-10-a-1055901.html (Zugriff: 13.05.2026); Christoph Neßhöver / Andreas Bornefeld: «Das sind die 500 reichsten Deutschen». In: Manager Magazin, 03.11.2025, https://www.manager-magazin.de/unternehmen/reichste-deutsche-2025-das-sind-die-500-reichsten-menschen-in-deutschland-mm-ranking-a-6dae8282-759a-4caa-9d63-c924eb10af6f (Zugriff: 13.05.2026).

Auch international ist diese Entwicklung zu beobachten. *Oxfam* zeigt in seinem jährlichenBericht zur sozialen Ungleichheit auf, dass das Vermögen von Milliardär*innen weltweit deutlich schneller wächst als das Vermögen der unteren Hälfte der Weltbevölkerung.4 Oxfam International: «Resisting the Rule of the Rich. Protecting Freedom from Billionaire Power», 2026, https://www.oxfam.de/dokument/18298/20260119-resisting-rule-rich.pdf (Zugriff: 13.05.2026). Extreme Vermögenskonzentration ist also kein deutscher Sonderfall – in Deutschland ist die Vermögensungleichheit im internationalen Vergleich aber besonders ausgeprägt.5 Vgl. OECD: «In It Together. Why Less Inequality Benefits All», 2015, https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/publications/reports/2015/05/in-it-together-why-less-inequality-benefits-all_g1g554a1/9789264235120-en.pdf (Zugriff: 13.05.2026).

Ungleichheit hat Struktur

Diese Entwicklung wird dadurch verstärkt, dass Einkommen aus Kapital in der Regel deutlich schneller wachsen als Einkommen aus Arbeit. Extrem Vermögende haben in den vergangenen Jahrzehnten sehr konstant deutlich höhere Wachstumsraten auf ihr Vermögen erzielt als alle anderen.6 Vgl. Lucas Chancel / Ricardo Gómez-Carrera / Rowaida Moshrif / Thomas Piketty et al.: «World Inequality Report 2026», World Inequality Lab, 2026, https://wir2026.wid.world (Zugriff: 13.05.2026). Zugleich sind Menschen mit wenig Vermögen strukturell am Kapitalmarkt benachteiligt, etwa aufgrund geringerer Anlagerenditen oder zusätzlicher Kosten.7 Vgl. Finanzwende Recherche: «Der Armutsnachteil. Wie es um die Chancengleichheit am Finanzmarkt steht», 2025, https://www.finanzwende-recherche.de/wp-content/uploads/Studie_Der-Armutsnachteil_Wie-es-um-die-Chancengleichheit-am-Finanzmarkt-steht.pdf (Zugriff: 13.05.2026). Es entsteht eine doppelte Dynamik: Vermögen wächst schneller als Einkommen – und es konzentriert sich immer stärker bei denen, die bereits über viel Vermögen verfügen.

Die Konzentration von Reichtum wird durch diese Struktur also systematisch verstärkt – und das oft über viele Generationen hinweg: 74 Prozent der deutschen Milliardär*innen haben ihr Vermögen nicht selbst erarbeitet, sondern durch Erbschaft erhalten.[mfn] Vgl. UBS Switzerland AG: «Billionaire Ambitions Report 2025», https://www.ubs.com/billionaires (Zugriff: 13.05.2026). [/mfn] Überreichtum ist damit selten das Ergebnis individueller «Leistung», anders als oft suggeriert wird. Entscheidend ist stattdessen vor allem eins: das richtige Elternhaus. Und wer einmal in den Kreis der Milliardär*innen aufgenommen wurde, fällt sehr selten wieder heraus.

Diese Kontinuität erklärt sich jedoch nicht allein durch die Weitergabe von Vermögen. Ebenso entscheidend sind kulturelles Kapital, soziale Netzwerke und institutionelle Zugänge. Wer in privilegierten Verhältnissen aufwächst, besucht oft dieselben Schulen und Universitäten, bewegt sich in ähnlichen sozialen Kreisen und profitiert von implizitem Wissen. Der Zugang zur Wirtschaftselite ist in diesem Sinne also besonders exklusiv.8 Vgl. Michael Hartmann: «Elite und Ungleichheit – ein untrennbares Begriffspaar». In: Paragrana 34.1, 2025.

Überreichtum schafft politischen Einfluss

Extreme Formen von Reichtum stellen in einer demokratischen Gesellschaft ein Problem dar. Nicht nur entsteht eine Form der politischen und gesellschaftlichen Entfremdung, da Überreiche in exklusiven Resonanzräumen leben, in denen sie den gesellschaftlichen Problemen des Alltags immer seltener begegnen.9 Vgl. Michael Hartmann: Die Abgehobenen. Wie die Eliten die Demokratie gefährden (Frankfurt am Main 2018), S. 8–16. Ökonomische Ressourcen lassen sich zudem gezielt in politischen, medialen und gesellschaftlichen Einfluss übersetzen.

Das geschieht unter anderem durch Spenden an Parteien und Projekte im kulturellen und sozialen Bereich, die politische Abhängigkeiten zwischen Spender*innen und Politiker*innen schaffen.10 Vgl. Aurel Eschmann: «Neue Parteispendendaten: Wer finanziert wen?», Lobby Control, 05.03.2026, https://www.lobbycontrol.de/parteienfinanzierung/neue-parteispendendaten-wer-finanziert-wen-124441/ (Zugriff: 13.05.2026). Noch unmittelbarer ist der Einfluss durch direkte Lobby-Aktivitäten: Mit den entsprechenden finanziellen Ressourcen können eigene Lobby-Netzwerke aufgebaut oder über kommerzielle Public-Affairs-Agenturen exklusive Zugänge zu politischen Institutionen und Entscheidungsträger*innen ermöglicht werden.11 Vgl. Gilda Sahebi / Kristin Langen: «Überreichtum – Wie Vermögensungleichheit Demokratie angreift», ARD Radiofeature, 30.03.2026, https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/dok5/wie-ueberreichtum-deutschland-demokratie-angreift-100.html (Zugriff: 13.05.2026). Vermögen wird so zu einer direkten Quelle von Einfluss, durch die Interessen von Überreichen systematisch mehr Gehör finden als andere.

Daneben spielt die mediale Diskursmacht eine entscheidende Rolle. Immer mehr Multi-Millionär*innen und Milliardär*innen beteiligen sich an Medienunternehmen oder übernehmen diese ganz, um gezielt Einfluss auf öffentliche Debatten und Berichterstattung zu nehmen. Personen wie Rupert Murdoch, Jeff Bezos oder Elon Musk zeigen international seit Langem die enge Verflechtung von Überreichtum und Medien. Auch in Deutschland zeichnet sich diese Entwicklung zunehmend ab. Ein Beispiel schafft der Milliardär Frank Gotthardt, ein Koblenzer Softwareunternehmer, der als einer der wichtigsten Finanziers des ehemaligen Bild-Chefredakteur Julian Reichelt und des rechten Online-Portals *Nius* gilt.12 Vgl. Caspar Shaller: «Superreiche auf Sendung». In: taz, 22.02.2023, https://taz.de/Oligarchinnen-in-Medienunternehmen/!5914315/ (Zugriff: 13.05.2026). Den Medieneinfluss verbindet er mit engen Kontakten zu politischen Akteur*innen. Unter anderem hat sein Unternehmen 2025 den Sommerempfang der Koblenzer CDU gehostet, bei dem auch die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner gesprochen hat.13 Vgl. SWR: «Kritik an Bundestagspräsidentin: Klöckner kommt zu umstrittener CDU-Veranstaltung in Koblenz». In: SWR, 14.08.2025, https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/koblenz/kritik-an-cdu-sommerempfang-bei-compugroup-gotthardt-nius-100.html (Zugriff: 19.05.2026).

Es zeigt sich ein Spannungsverhältnis für die Demokratie: Einzelne Überreiche nehmen mit ihren finanziellen Mitteln Einfluss auf den öffentlichen Diskurs. Damit verschiebt sich nicht nur, wer gehört wird, sondern auch, welche Themen überhaupt sichtbar werden – ohne dass für die breite Mehrheit erkennbar ist, wer diese Verschiebungen maßgeblich vorantreibt. Denn viele der reichsten Deutschen bleiben medial auffällig unsichtbar.14 Vgl. Emma Ischinsky: «The Invisible Super-Rich? A Quantitative Analysis of the Press Coverage of Germany’s Wealth Elite». In: Sociology, 2026, https://doi.org/10.1177/00380385261428292.

Durch die verschiedenen Formen der Einflussnahme und der Reproduktion gesellschaftlicher Eliten entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf: Soziale Ungleichheit führt zu politischer und medialer Ungleichheit, die wiederum die soziale Ungleichheit stabilisiert. Das hat unmittelbare Folgen für die Demokratie. Denn soziale Ungleichheit schwächt nicht nur das Vertrauen in demokratische Institutionen, sondern ist auch eng mit sinkender politischer Partizipation und wachsender Demokratieverdrossenheit verbunden.15 Vgl. Jan Brülle / Dorothee Spannagel: «Einkommenungleichheit als Gefahr für die Demokratie». In: WSI-Verteilungsbericht 2023 (WSI-Report 90), 2023, https://www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-armut-gefahrdet-die-demokratie-53536.htm (Zugriff: 19.05.2026). Überreichtum und politische Ohnmacht werden so zu zwei Seiten derselben Medaille.

Der Kampf um die Erbschaftsteuer

Ein anschauliches Beispiel für die politische Einflussnahme ist die Ausgestaltung der Erbschaft- und Schenkungsteuer.

Bereits zweimal erklärte das Bundesverfassungsgericht Teile der damaligen Erbschaft- und Schenkungsteuer für verfassungswidrig. Zuletzt kritisierte das Gericht im Jahr 2014 die weitreichenden Ausnahmen für sehr große Unternehmensvermögen und gab dem Gesetzgeber eine Frist bis Mitte 2016, um das Gesetz anzupassen.

Auf die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts folgte eine intensive Lobbykampagne. Eine zentrale Rolle spielte dabei die *Stiftung Familienunternehmen*. Die Stiftung macht selbst nicht transparent, wessen Interessen sie repräsentiert. Recherchen von *Greenpeace* legen jedoch nahe, wer wirklich vertreten wird: 98 Prozent der Unternehmen aus dem Netzwerk der *Stiftung* haben einen Jahresumsatz von 50 Millionen Euro oder mehr.16 Vgl. Katharina Heider / Bastian Neuwirth / Mauricio Vargas: «Der Club der Superreichen. Das geheime Netzwerk der Stiftung Familienunternehmen und wie sie gegen Klimaschutz und Steuergerechtigkeit agiert», Greenpeace-Recherche, 2025, https://www.greenpeace.de/publikationen/Recherche_Stiftung_Familienunternehmen.pdf (Zugriff: 13.05.2026). Zum Vergleich: Nur 0,6 Prozent aller Unternehmen in Deutschland fallen in diese Größenordnung.17 Vgl. Statistisches Bundesamt: «Unternehmen, Tätige Personen, Umsatz und weitere betriebs- und volkswirtschaftliche Kennzahlen: Deutschland, Jahre, Unternehmensgröße», 2026, https://www-genesis.destatis.de/datenbank/online/table/48121-0001/search/s/NDgxMjEtMDAwMQ== (Zugriff: 13.05.2026).

Die *Stiftung Familienunternehmen* repräsentiert damit eine sehr kleine, extrem vermögende Gruppe von Unternehmer*innen und Eigentümer*innen. Und genau die wären von einer Reform der Erbschaftsteuer finanziell betroffen gewesen. Denn die Ausnahmen ermöglichten es, Unternehmensvermögen im Milliardenwert weitgehend steuerfrei an die nächste Generation weiterzugeben. Entsprechend groß war das Interesse, diese Privilegien zu erhalten oder sogar auszuweiten – schließlich konnten wenige Millionen für Lobbyarbeit Milliarden an Steuern sparen.

Im Ergebnis dieser Einflussnahme wurde bei der letzten Reform der Erbschaftsteuer ein Paragraph mit dem harmlos klingenden Namen «Verschonungsbedarfsprüfung» aufgenommen. Darin steht eine Ausnahmeregelung, die es weiterhin ermöglicht, Unternehmensvermögen in Multi-Millionen- und Milliardenhöhe unter bestimmten Bedingungen nahezu steuerfrei zu übertragen. Öffentlich begründet werden diese Sonderregeln mit dem angeblichen Schutz von Arbeitsplätzen und dem Erhalt der deutschen Wirtschaft. Dass diese «Argumente» weder fachliche noch wissenschaftliche Grundlage besitzen, hat die *Bürgerbewegung* *Finanzwende*18 Die Bürgerbewegung Finanzwende e.V. ist eine unabhängige Organisation, die sich für faire, stabile und nachhaltige Finanzmärkte einsetzt – als Gegengewicht zur Finanzlobby verfolgt sie das Ziel, dass Finanzmärkte den Menschen dienen und nicht umgekehrt. im Check der gängigsten Mythen rund um die Erbschaftsteuer aufgezeigt.19 Vgl. Bürgerbewegung Finanzwende e.V.: «Was die Milliardärslobby uns erzählt – und was wirklich stimmt. Mythencheck Erbschaftsteuer», 17.09.2025, https://www.finanzwende.de/themen/steuergerechtigkeit/ausnahmen-bei-der-erbschaft-und-schenkungsteuer/was-die-milliardaerslobby-uns-erzaehlt-und-was-wirklich-stimmt (Zugriff: 13.05.2026).

Durch diese Regelung zahlen die reichsten Personen unserer Gesellschaft de facto weiterhin kaum oder gar keine Steuern auf Erbschaften und Schenkungen. Dieses Privileg kostet den deutschen Fiskus jedes Jahr knapp9 Milliarden Euro20 Vgl. Bundesministerium der Finanzen: «30. Subventionsbericht des Bundes 2023–2026», https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Downloads/Broschueren_Bestellservice/30-subventionsbericht.pdf?__blob=publicationFile&v=8 (Zugriff: 13.05.2026). ; seit 2009 sind der Allgemeinheit damit insgesamt mehr als 100 Milliarden Euro entgangen.21 Vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung: «Erbschaftsteueruhr hat 100 Milliarden-Marke geknackt», Pressemitteilung, 20.04.2026, https://www.fes.de/themen/pressemitteilung/pressemitteilung-erbschaftsteueruhr (Zugriff: 13.05.2026). Tatsächlich fällt bei Überreichen die Steuer oft nur bei denjenigen an, die bestehende Ausnahmen nicht rechtzeitig zu nutzen wussten. Nicht ohne Grund wird die Erbschaft- und Schenkungsteuer in Fachkreisen auch als «Dummensteuer» bezeichnet.22 Vgl. Jan Schmidbauer: «Erbe, wem Erbe gebührt». In: Süddeutsche Zeitung, 27.04.2026, https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/erbschaftssteuer-ungleichheit-erbschaftsteuer-spd-e816466/ (Zugriff: 13.05.2026).

Eine Frage des politischen Willens

Das Beispiel Südkorea zeigt, dass es auch anders geht. Nach dem Tod des *Samsung*-CEOs Lee Kun-hee im Jahr 2020 ging ein geschätztes Vermögen von 21 Milliarden US-Dollar an seine Familie über. Südkorea erhebt bei Milliarden-Erbschaften eine Steuer von 50 Prozent, die Familie bekam also einen Bescheid vom Finanzamt von über 10 Milliarden US-Dollar, eine der höchsten bekannten Erbschaftsteuerzahlungen weltweit.23 Vgl. Dietrich Ostertun: «Vererben wie der Samsung-Chef». In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2025, https://www.faz.net/aktuell/finanzen/so-regelte-samsung-chef-lee-kun-hee-sein-milliardenerbe-accg-110735012.html (Zugriff: 13.05.2026).

Die Steuer wurde in sechs Raten innerhalb von fünf Jahren bezahlt, dafür wurden unter anderem Aktienanteile verkauft, die im Erbe enthalten waren. Dies geschah, ohne dass die wirtschaftliche Stabilität des Konzerns erkennbar gefährdet wurde. Weder brach *Samsung* zusammen, noch kollabierte die südkoreanische Wirtschaft.

Das zeigt, dass die oft behauptete Alternativlosigkeit deutscher Ausnahmeregelungen keine ökonomische Notwendigkeit ist. Vielmehr erscheint sie als politisch erzeugter Mythos.

Worüber wir sprechen müssen

Überreichtum bedroht die materielle Grundlage demokratischer Gleichheit, indem er gesellschaftlichen Einfluss in den Händen weniger konzentriert und über Generationen weitergibt. Dadurch entsteht nicht nur eine Machtasymmetrie zugunsten weniger extrem reicher Individuen und Familien, sondern in weiten Teilen der Gesellschaft auch ein wachsendes Gefühl politischer Ohnmacht.

Um dem entgegenzuwirken, müssen verteilungspolitische Auseinandersetzungen wieder ins Zentrum der gesellschaftlichen, politischen und demokratischen Debatte rücken. Die Erbschaftsteuer ist zum Symbol dieser Auseinandersetzung geworden: Hier trifft das Interesse der Allgemeinheit auf das von Wenigen.

Noch in diesem Jahr wird ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts erwartet, dass sich erneut mit den Ausnahmeregelungen für extreme Vermögen im Erbschaftsteuerrecht auseinandersetzt. Damit droht eine Neuauflage der Lobbyschlacht rund um die letzte Reform. Wer sich bei dieser Frage durchsetzt, wird sich in den Monaten nach dem Urteil zeigen.

Eine gerechte Reform der Erbschaftsteuer wäre aber ein zentraler Ausgangspunkt für eine breite Debatte über die Verteilung von Vermögen und die Grenzen legitimer Ungleichheit. Sie würde Rückenwind schaffen für tiefgreifende gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit Verteilungsfragen. Und sie könnte dazu beitragen, das demokratische Versprechen politischer Gleichheit nicht nur formal, sondern auch materiell stärker einzulösen.

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