Zum Buch Erregender Frauenhass. Eine Kritik der Pornografie Alibri Verlag 2026, 335 S., 19€
Nach ihrem erfolgreichen Sammelband *Was kostet eine Frau? Eine Kritik der Prostitution *(2020) legt das Feministische Bündnis mit dem Sammelband *Erregender Frauenhass. Eine Kritik der Pornografie *(2026) nach. Anknüpfend an eine materialistisch-feministische sowie psychoanalytisch fundierte Analyse und Kritik der Prostitution wird sich mit dem Phänomen der Pornografie beschäftigt. Diese fasst das Bündnis als großen gesellschaftlichen Missstand auf, der aber normalisiert und dadurch unhinterfragt bleibt – selbst in feministischen Kontexten.
Auf überzeugende Weise wird in den Beiträgen Pornografie nicht nur im Verhältnis von Kapitalismus und Geschlecht diskutiert, sondern auch vor dem Hintergrund eines rasenden technologischen Fortschritts und Generationenunterschieden und macht auch vor einer einschlägigen Analyse und Kritik der oft als selbstbestimmt verklärten Plattform OnlyFans keinen Halt. Die Texte bieten einschlägige Analysen über gegenwärtige Geschlechterverhältnisse, stringente Kritiken des Rassismus und Kolonialismus und verbinden diese interdisziplinär an soziologische und philosophische, kulturtheoretische sowie psychoanalytische Überlegungen.
Junge Perspektiven: Ihr habt euren Sammelband unter dem Titel „Erregender Frauenhass“ veröffentlicht. Der Titel verweist auch auf eure Analyse der Pornografie als Ausdruck eines gesellschaftlichen Missstandes. Was waren eure theoretischen Überlegungen zu dem Titel?
Feministisches Bündnis Heidelberg: Der Titel bringt unsere Kritik auf den Punkt: Dass Mainstream-Pornografie überwiegend Frauenhass abbildet und von ihm profitiert und dieser als erregend dargestellt und empfunden wird. Er macht deutlich, und das ist eine der Kernthesen unseres Sammelbandes, dass es bei der Pornografie nicht um eine vielfältige oder aufgeklärte Sexualität geht, sondern überwiegend um misogyne und gewaltvolle Praktiken, die immer krasser werden (müssen). Pornografie und Gesellschaft stehen in einem dialektischen Verhältnis. Pornografie wirkt einerseits auf die Gesellschaft ein und trägt massiv zum gesellschaftlichen Frauenhass in unserem Verständnis von Sexualität bei. Andererseits ist die Pornografie eine Abbildung des gesellschaftlichen Blicks auf die Frau – das erregende Element des Frauenhasses ist der Pornografie bereits vorausgesetzt. Dies wird beispielsweise daran deutlich, dass gewaltvolle Inhalte die meisten Abnehmer finden und von Seiten der Pornoindustrie immer wieder neue Ausmaße der Gewaltdarstellungen und der Misogynie produziert werden.
JP: Umso absurder erscheint es, dass über diese Missstände hinweggeschaut werden und sogar explizit von feministischer Seite als Empowerment verklärt werden. In eurem Buch beginnt ihr eure Kritik der Normalisierung der Pornografie über einen Rückblick auf die sexuelle Revolution. Inwiefern hängen diese Entwicklungen miteinander zusammen? Welche Rolle spielt die sexuelle Revolution für positive Bezüge zur Pornografie? Und kann man in diesem Kontext überhaupt von einer sexuellen Revolution sprechen?
FB: Zunächst muss festgehalten werden, dass die sexuelle Revolution viele gesellschaftliche Veränderungen hervorgebracht hat, sie war durchaus eine Absage an die konservative Gesellschaft, in der kaum über Sexualität, vor allem nicht über weibliche Sexualität oder Homosexualität gesprochen werden konnte. Sie war in dem Sinne revolutionär, als dass sie mit dem gesellschaftlichen Konservatismus brach. Doch ihr Ziel, eine Emanzipation der Geschlechter und vor allem eine lustvolle Sexualität für alle Geschlechter zu etablieren, wurde nicht erreicht. Schnell setzte sich die Fokussierung auf männliche Sexualität durch – wodurch eher eine Art der Scheinrevolution stattfand. Dies zieht sich bis heute durch, indem weibliche Sexualität nach wie vor unterrepräsentiert und unterdrückt ist. Gesellschaftlich ausgedrückte Sexualität existiert weiterhin nur im Rahmen des patriarchalen Blickes. Dieser strukturiert auch die Selbstsexualisierung von Frauen, also der Versuch, eine eigene sexuelle Emanzipation über eine unreflektierte Aneignung männlicher Ideale herzustellen. Sie ist ein unmögliches Versprechen, dass sich auf unlustvolle Weise durch den sogenannten male gaze überhaupt erst konstituieren kann. Die Selbstsexualisierung beruht auf der Eindimensionalität der Sexualität im Allgemeinen, denn Frauen haben nie etwas Besseres geboten bekommen als sexuelle Bestätigung entlang der Ideale einer männlichen Sexualität. Eben diese Selbstsexualisierung – oder vielleicht sogar treffender die Pornofizierung – wird insbesondere von pop- und queerfeministischer Richtung befeuert und bildet das Fundament des Argumentes der feministischen Pornografie. Für die Entwicklung des feministischen Kampfes bezüglich Pornografie lohnt es sich, das Interview mit Brigitte Kiechle zu lesen. Wir sollten nicht vergessen, auf wessen Schultern wir stehen.
JP: Ein Aspekt der sexuellen Revolution war das Aufbrechen von gesellschaftlichen Tabus, welche auch in der Pornografie eine große Rolle spielen. Wie greift ihr die Rolle von Tabus theoretisch auf?
FB: Pornografie bricht mit gesellschaftlichen Tabus in dem Maße, dass es sie schlichtweg nicht mehr gibt. Sie ist vollkommen enthemmt und betont Tabubrüche explizit, wie etwa Inzest oder Sex mit Minderjährigen sowie immer krasser werdenden Gewaltszenarien. Interessant ist dabei vor allem die Frage nach der Entstehung der Erregung. Diese liegt eigentlich im sexuellen Akt selbst begründet, welcher in der Pornografie aber dermaßen monoton dargestellt wird, dass sich die Erregung über das Verbotene, also die genannten Tabubrüche, herstellt. Deshalb sind es Tabubrüche, die die Pornografie überhaupt so spannend für uns machen. Jessica Benjamin hebt dies auch nochmal hervor: In ihrer Monotonie sabotiert sich die Pornografie selbst.
JP: In eurem Sammelband stellt Hanna Vatter die These auf, dass in unserer Gesellschaft die Weiblichkeit genossen wird. Inwiefern geht dieser gesellschaftliche Genuss durch Weiblichkeit der Pornografie voraus?
FB: Weiblichkeit wird in der Gesellschaft vor allem vom Mann genossen und begründet auch einen finanziellen Profit – Stichwort Ware Frau. In Bezug auf die Pornografie ist dies besonders strukturgebend: Die Weiblichkeit wird genossen, sie genießt selbst nicht. Die Weiblichkeit bleibt somit Objekt der Begierde und stets dem Männlichen untergeordnet. Hanna Vatter hebt außerdem mit Bezug auf Lacan noch hervor, dass dieser Genuss ein Loch ohne Boden darstellt. Pornografie und die sexuelle Ausbeutung von Frauen ist immer verfügbar, in millionenfacher Ausführung, aus allen verschiedenen Blickwinkeln. Wahre Befriedigung mit Frauen kann somit nicht vollständig empfunden werden, da sie in der pornofizierten Gesellschaft nicht als sexuelles Gegenüber, sondern als Objekt des Konsums abgewertet werden.
JP: Durch die Beiträge von Sophia Middeke und Gail Dines wird Pornografie auch in Bezug auf Rassismus und Kolonialismus gesetzt und diskutiert. Inwiefern wirken rassistische Strukturen und koloniale Kontinuitäten in der Pornoindustrie? Und inwiefern hängt der in der Pornografie existierende Rassismus mit der bürgerlichen Subjektwerdung zusammen?
FB: Der Kolonialismus war ein massiver Katalysator für die sexuelle Ausbeutung und Degradierung von Frauen. Die rassistische Hierarchie, die durch die Kolonisierung Südamerikas und Afrikas geschaffen wurde, weist indigenen Frauen, Schwarzen Frauen, einen Objektstatus sondergleichen zu, der sexuell aufgeladen ist. Sie werden nicht nur als billige Arbeitskraft unterworfen, ihre Körper werden auch sexuell ausgebeutet – mithilfe rassistischer Mystifizierungen wird das als biologische Notwendigkeit inszeniert. Dadurch wurde eine Unterteilung geschaffen zwischen der „guten“ Frau und der auszubeutenden Frau und stellte so eine wichtige Grundlage für die Herausbildung des weiblichen bürgerlichen Subjekts. Um noch einmal auf die Tabus zurückzukommen; durch die Unterteilung in Heilige und Hure, weiße und kolonisierte Frau, wurde auch immer die Frage danach gestellt, welche sexuellen Praktiken mit welchen Frauen durchgeführt werden sollen und wie diese bezeichnet werden. Als Beispiel kann etwa die „wilde Afrikanerin, der man es richtig besorgen muss“ herangezogen werden oder die „willige Thai, die dehnbar ist wie Gummi“, Wie stark die rassifizierten sexualisierten Stereotype von Frauen heute noch existieren, die sich als kolonialistische Beutezüge historisch herausgearbeitet haben, wird durch das, was gängig als Sextourismus bezeichnet wird, deutlich. Und auch sexuelle Praktiken haben sich im Kolonialismus herausgebildet, wie etwa das Auspeitschen. Dies ermöglicht ein Ausleben der Lust am Strafen, ohne dabei abhängig von einem Subjekt, das einem gegenübersteht, zu sein. Genau dieser Mechanismus liegt auch der Pornografie zugrunde: Man muss das Objekt der Lust nicht einmal berühren. Und der eigentliche Lustgewinn an dieser dargestellten Unterdrückung, ist letztlich ein Lustgewinn am eigenen Rassismus, der wiederum als Kink oder Fetisch verharmlost wird.
JP: Während der Entstehung und Erscheinung eures Sammelbandes lief der Pelicot Prozess, die Teilveröffentlichung der Epstein-Akten sowie der Fall Collien Fernandes sorgten für Empörung, Aufmerksamkeit und Debatten über sexuelle Gewalt. Haben euch diese Vorfälle noch schockiert? Und welchen Einfluss hatten diese auf eure Auseinandersetzung?
FB: Eigentlich hat man ja so ein Gefühl von wir müssten auf solche Vorfälle gewappnet sein, diese Ausmaße an sexueller Gewalt sind das, womit wir uns kritisch auseinandersetzen. Und trotzdem ist ein Schock-Moment da. Dieser Moment ist auch gut, denn es zeigt uns immer wieder, dass es notwendig ist, sich für eine andere Gesellschaft einzusetzen. Die Epstein-Akten zeigen nochmal in einem krasseren Ausmaß, das, was wir kritisieren. Und deswegen ist die theoretische Abarbeitung an diesen Themen so wichtig. Sie ermöglicht uns, die Fassungslosigkeit durch Verstehen zu ersetzen.
JP: Wie habt ihr denn aus theoretischer Perspektive auf diese Debatten geblickt? Und in welchem Kontext setzt ihr sie zu euren Thesen und Texten im Sammelband?
FB: Ein springender Punkt, der ja in allen Fällen noch einmal sehr deutlich wird, ist das Ausmaß an organisierter Männlichkeit, die über sexuelle Konnotationen funktioniert. Also die Frage danach, was in diesen organisierten Männerbünden passiert – und dass es dabei egal ist, ob es sich um Donald Trump oder den Mann von nebenan geht. Viele teilen die Begierde nach der Unterdrückung von Frauen oder eben auch im Kontext von Epstein explizit von Mädchen. Es ist in diesem Kontext interessant zu fragen, wie wir überhaupt als Gesellschaft über Sexualität denken. Denn wenn wir uns online angucken, wie tote Frauen vergewaltigt werden oder Menschen Sex mit Tieren haben müssen, dann ist das gesellschaftliche Denken über Sexualität ja schon völlig Jenseits von Gut und Böse. Und letztlich wurde dann eben das ausgelebt, was sich online in Pornos angeschaut wird. Krass ist dann vor allem die Organisierung dahinter; dass die Industrien einfach so bestehen können, sie dürfen sich „Ethical capital partners“ nennen (so heißt die größte Firma in der Pornoindustrie). Männer werden von Männern geschützt, es geht um eine organisierte Kriminalität, nicht um einen einzelnen kranken Mann, sondern um eine gut organisierte Struktur, die tief in unserer Gesellschaft sitzt.
JP: Entlarven sich die Männer, wenn sie sich gegenseitig schützen, darin, dass sie es selbst nicht anders machen würden?
FB: Mehr noch: Sie zeigen ja dadurch, dass sie es gut finden, sie teilen die Erregung daran. Bei den Epstein-Akten ist diese Professionalisierung der Struktur ja nochmal auf die Spitze getrieben. Und eben dieser Aspekt ist ja eigentlich am schockierendsten an den Akten: Dass all das passieren kann, durchgeführt werden kann, sogar veröffentlicht werden kann und es einfach egal ist, denn jegliche Konsequenzen bleiben aus.
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