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Virginia Giuffres Nobody’s Girl – Ein persönlicher Lesebericht

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Virginia Roberts Giuffre: Nobody’s Girl. Meine Geschichte von Missbrauch und dem Kampf um Gerechtigkeit. München: Yes Publishing 2025, 400 S., ISBN: 978-3-96905-167-2, 26,00€. 

Der Beitrag enthält Schilderungen über sexualisierte Gewalt und Suizid. 

Niemandes Mädchen

Das Gesicht des Mädchens ist verschwommen. Die Länge ihrer dunkelblonden Haare, die Form ihres Mundes, ihrer Nase, Augen und Ohren lassen sich nur grob erahnen. Aber da ist ein Blick in den Augen des Mädchens, der den milchigen Schleier durchdringt und die Betrachtenden des Buchcovers erreicht. Es ist schwer zu ergründen, was ihre Augen verraten. Vielleicht sagt der Blick, was etwa auf Höhe ihres Mundes in großen schwarzen Buchstaben im Vordergrund prangert: Niemandes Mädchen. Vielleicht schauen so Mädchen, die, wie es im Untertitel des Buches heißt, Missbrauch überlebten und für Gerechtigkeit kämpften. 

Das Mädchen auf dem Cover ist Virginia Roberts Giuffre. Nobody‘s Girl. Meine Geschichte von Missbrauch und dem Kampf um Gerechtigkeit ist ihre persönliche Erinnerung an ein Leben, das seit Kindheitstagen von Gewalt und Missbrauch gezeichnet war. Es sind auch Erinnerungen an eine Rebellion dagegen, an Flucht und Überlebensstrategien, an die Tortur der juristischen Aufarbeitung, an ein Leben nach Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell, falls es so etwas geben kann.

Virginia Giuffre erlebte und überlebte drei Jahre im System Epstein. Über noch mehr Jahre verschrieb sie sich dem Kampf um gerechte Bestrafungen der Beteiligten und erreichte in diesem Rahmen durch ihre weltweite mediale Präsenz den Status des bekanntesten Opfers von Jeffrey Epstein.1 Julia Amalia Heyer: «So erinnert sich Jeffrey Epsteins prominentestes Opfer». In: Der Spiegel, 22.10.2025. Am Ende beschloss sie, im Alter von 41 Jahren zu sterben.

Niemandes Mädchen. Virginia Roberts Giuffre gehörte niemandem. Und doch, darüber legen die 367 Seiten Zeugnis ab, wurde sie ihr ganzes Leben lang benutzt. Von einem Freund der Familie, ihrem eigenen Vater, von den alten, reichen Männern und Frauen dieser Welt, von Ministern und Prinzen, die dachten, dass sie Virginia Giuffre besitzen würden. In den Augen der Mächtigen sei sie kein Mensch gewesen, nur ein Spielzeug, wie Giuffre es in einem Interview im Jahr 2019 in der australischen Sendung «60 Minutes Australia» prägnant auf den Punkt brachte.2https://www.youtube.com/watch?v=LNLQmpT4oQ0 (20.05.2026)

Als sie Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell entkam, erlangte sie ihre Freiheit und Unabhängigkeit zurück. Doch wie lebenswert kann ein Leben sein, wenn ein traumatisierter Körper beginnt, sich nach und nach aufzugeben? Wie selbstbestimmt lebt es sich, wenn die Köpfe der ehemaligen Vergewaltiger, ihr Geschnaufe und ihre Gerüche in regelmäßigen Abständen in Albträumen, Panikattacken und Flashbacks vor dem inneren Auge auftauchen?3 An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass die Autorin des Textes sich mit den Missbrauchsvorwürfen gegen Virginia Roberts Guiffres Ehemann auseinandergesetzt hat, ebenso mit den Umständen ihres Suizides. Es wird jedoch davon abgesehen, diese im Text zu thematisieren, da im Fokus des Textes ausschließlich die persönliche Leseerfahrung stehen soll. Für Informationen siehe https://www.youtube.com/watch?v=N61aNQYAnBY (25.05.2026). 

Das Buch des Jahres 2026  

Im April 2025 nahm Virginia Giuffre sich das Leben. Wenige Monate nach ihrem Tod erschienen im Oktober 2025 ihre Memoiren. Kurz bevor sie starb, hatte sie in einer E-Mail an ihre Co-Autorin Amy Wallace und ihre Agentin Dini von Mueffling erklärt, es sei ihr ausdrücklicher Wunsch, dass das Buch auch im Falle ihres Todes veröffentlicht werden würde. Virginia Giuffre glaubte, so lässt es sich ihrer abgedruckten E-Mail an Wallace und von Mueffling im Vorwort des Buches entnehmen, dass die Memoiren das Potenzial hätten, «viele Leben zu beeinflussen und notwendige Diskussionen über diese schweren Ungerechtigkeiten anzustoßen.»4 Virgina Roberts Guiffre: «Nobody’s Girl. A Memoir of Surviving Abuse and Fighting for Justice». New York 2025, S. xvi. Zitat im Original: «I believe it has the potential to impact many lives and foster necessary discussions about these grave injustices.» 

Nach der Veröffentlichung schossen die Verkaufszahlen in wenigen Wochen in die Höhe. Schon im Dezember berichtete The Guardian über den Verkauf von einer Million Bücher.5 Ohne Autor: «Virginia Roberts Giuffre: Epstein accuser’s memoir sells 1m copies in two months». In: The Guardian, 17.12.2025. In den internationalen Medien entstand in kürzester Zeit ein Überfluss an inhaltlichen Zusammenfassungen des tragischen Lebens der Virginia Roberts Giuffre.  

Jüngst wurde Nobody‘s Girl mit dem British Book Award ausgezeichnet. So konnte die Autorin posthum für ihren Kampf um Gerechtigkeit geehrt werden. Sie hätte sich bestimmt über die Auszeichnung und die damit verbundene Aufmerksamkeit gefreut, bestand ein Ziel ihres Buches doch in der Sensibilisierung der Gesellschaft für sexuellen Missbrauch und den Umgang damit.6 Noor Nanji/ Steven McIntosh: «Virginia Giuffre’s memoir wins top book award». In: BBC, 12.05.2026.  

Massenhafte Rezeptionen, mangelhafte Emotionen

Es war ein verdienter Preis, hat das Buch doch etwas in mir ausgelöst, was die mediale Berichterstattung nicht auszulösen vermochte: Emotionen. Genauer gesagt Gefühle der Fassungslosigkeit, Solidarität und Wut. Eine Art Weltschmerz, denn Giuffres Missbrauchserfahrungen sind zwar besonders grausam, aber zur traurigen Realität gehört auch, dass ihre Geschichte des Missbrauchs nur eine von vielen ist. 

Nobody’s Girl galt als Enthüllungsbuch und hatte damit einen Sensationscharakter. Schon vor dem Erscheinungsdatum spekulierten Redakteur:innen unterschiedlichster Zeitungen über das Buch, das so manchen mächtigen Mann in Bredouille bringen dürfte. Darüber, dass Giuffres Memoiren einigen davon sehr gefährlich werden oder sie für Unruhe und Aufregung im Palast der britischen Königsfamilie sorgen könnten.7 Gabi Biesinger: «Ein Buch, das für Unruhe im Palast sorgt». In: Tagesschau, 21.10.2025.  Das Interesse galt hauptsächlich Namen von Präsidenten, Prinzen und Premierministern, die eventuell im Buch auftauchen könnten. Nobody’s Girl versprach Skandale und reiche Männer zu Fall zu bringen. Und es scheint fast so, als ob Enttäuschungen sich dort breitmachten, wo Giuffre dieses von außen auferlegte Versprechen nicht einhielt, wo sie keine expliziten Namen erwähnte. Wer war bloß dieser Premierminister, der Giuffre auf brutalste Weise vergewaltigte, wie es wiederholt in den Berichten über ihre Erinnerungen zu lesen war? Für wenige Wochen fluteten Medienschaffende die Welt mit knappen Übersichten über die schrecklichsten Momente von Virginia Giuffre, durch die man sich abgestumpft vom Überfluss so durchklickte. Je mehr die Sensation abnahm, desto mehr nahm die Stille wieder zu.

Eine persönliche Leseerfahrung 

So dauerte es eine ganze Weile, bis ich mit dem Buch begann. Wochenlang lag es auf meinem Nachttisch, fast vergessen im Strudel der Zeit, fast vergessen in der Stille. Ich erinnerte mich nicht daran, jemals zuvor solche Memoiren gelesen zu haben. In meinem Geschichtsstudium hatte ich mich manchmal mit autobiografischen Quellen auseinandergesetzt. Aber das waren meistens Erinnerungen von Politikern und Staatsmännern über ihr politisches Wirken. Ich kenne mich aus mit den Theorien über die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen und dem Selbstinszenierungscharakter der Textgattung, die mir sicherlich auch bei Nobody’s Girl halfen, ein gewisses Maß an Distanz zu wahren, weil Giuffres Memoiren nicht von narrativen Konstruktionen ausgenommen sind.  Doch trotz der Distanz im technischen Umgang mit dem Buch, fühlte ich mich beim Lesen in erster Linie der Autorin nahe. Über die Wochen, in denen ich Seite für Seite las – manchmal schaffte ich nur eine einzige Seite – entwickelte sich in mir ein ausgeprägtes Solidaritätsgefühl gegenüber Virginia Giuffre. Ich muss an dieser Stelle klarstellen, dass ich keine Betroffene sexualisierter Gewalt bin. Damit bin ich eine von Wenigen. Vielleicht bin ich deshalb sogar die Falsche für einen derartigen Text. Aber ich bin eine Frau Anfang 30, die in einer Welt groß wurde, in der sexualisierte Gewalt gegen Frauen allgegenwärtig war und ist – und in zu vielen Fällen nicht ernst genommen wurde und wird. Ich habe gelernt und zugleich nie gelernt, mit dem Gewaltpotenzial von Männern gegenüber Frauen zu leben und umzugehen. Ich habe es angenommen, auf dunklen, unbeleuchteten Wegen die Schlüsselspitze zwischen den Fingern zu halten, im Zweifel lieber die Straßenseite zu wechseln oder mich beim Joggen im Wald in regelmäßigen Abständen umzudrehen. Natürlich ist das in keiner Weise vergleichbar mit dem, was Virginia Giuffre ihr ganzes Leben lang erlebt hat. Als Frau in unserer Gesellschaft fühlte ich mich ihr trotzdem sehr verbunden.

Das Empfinden der Solidarität war flankiert von Gefühlen der Fassungslosigkeit und Wut. Ich war naiv zu glauben, bereits das gesamte Ausmaß des Epstein-Skandals zu kennen und somit gewappnet für das Buch zu sein. Schließlich hatte ich die Netflix-Dokumentationen über Epstein und Maxwell gesehen, zahlreiche Artikel überflogen, Interviews und Podcasts zu dem Fall gehört und auch die Berichterstattung über die Epstein-Files zur Kenntnis genommen. Doch das, was Virginia Giuffre in ihren Memoiren schilderte, war so viel schlimmer, als alles, was ich mir vorstellen konnte. Ihre Zeilen zeigten ungeschönt die mit Macht und Reichtum verbundenen menschlichen Abgründe dieser Welt auf, weil Virginia Giuffre ohnehin nichts mehr zu verlieren hatte. Sie verewigten die Perversitäten der Menschen des globalen Epstein-Netzwerkes auf Papier aus der Perspektive eines jungen Mädchens, einer Frau, die sie ertragen musste. Es waren die expliziten Schilderungen ihrer Missbrauchserfahrung, die mich fassungslos und wütend, manchmal atemlos machten. Es waren die Selbstverständlichkeit und Selbstgefälligkeit Epsteins, Maxwells und alle weiteren Peinigern, die Virginia Giuffre entgegenschlug, und mit der sie taten, was sie taten: Kinder und Frauen vergewaltigen. Als sei das normal, als mache man das so. Wütend machte mich auch die Selbstverständlichkeit des Lügens der Täter und Mitwissenden, mit der Giuffre vor allem im Rahmen der juristischen Aufarbeitung konfrontiert wurde – vom Ablauf dieser einmal ganz zu schweigen.

Es ist nun schon eine Weile her, dass ich Nobody’s Girl gelesen habe. Doch die Emotionen, die das Buch ausgelöst hat, sind immer noch da und sie sind stark. Für mich sind sie der wichtigste Grund, die Memoiren in ruhigen Momenten zu lesen: Ehrliche Empathie und aufrichtiges Mitgefühl zu fühlen, sind für mich wichtiger als Namen zu kennen. Auch wenn ich durch die Lektüre intime Einblicke in das Leben von Virgina Giuffre bekommen habe, werde ich nie wissen, was der Blick des Mädchens auf dem Buchcover den Betrachtenden mitteilt. Vielleicht, ganz vielleicht, ist darin Hoffnung zu erkennen: 

Ich hoffe auf eine Welt, in der Täter bestraft und nicht geschützt werden, in der Opfer mit Mitgefühl behandelt und nicht beschämt werden und in der Mächtige die gleichen Konsequenzen tragen wie alle anderen auch. […] Wir leben noch nicht in dieser Welt […] aber ich glaube, dass wir es eines Tages tun könnten.8 Guiffre, S. 366-367. Zitat im Original: «I hope for a world in which predators are punished, not protected; victims are treated with compassion, not shamed; and powerful people face the same consequences as anyone else […] We don’t live in this world yet […] but I believe we could someday.»

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