Rezension zu: Morten Paul (Hg.): Was war Faschismustheorie. Berlin: Verbrecherverlag 2026, 432., ab 20,00 € oder digital als Open-Access-Buch
Im Mai dieses Jahres tobt zwischen den Seiten der deutschen Zeitungen eine Auseinandersetzung darum, was denn nun Faschismus oder zumindest der neue Faschismus sei und ob man überhaupt etwas gewinnt, wenn man nach ihm fragt oder ob die Frage nicht besser hinter dem Handeln gegen das, was auch immer da aufzieht, zurückgestellt werden sollte.1Vgl. dazu Jan Philipp Reemtsma, «Trump und die USA: Woher kommt die Lust am Faschismus-Vorwurf?». In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Mai 2026; Robin Celikates / Rahel Jaeggi, «Faschismusdebatte: Wie Demokratien zu menschenfeindlichen Regimen werden». In: Die Zeit, 11. Mai 2026; Alex Demirović, «Von Faschismus reden?». In: nd-aktuell.de, 19. Mai 2026; Carolin Amlinger / Oliver Nachtwey, «Ist das Faschismus in neuen Formen?». In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Mai 2026.
Nicht ohne Grund stellte der Verbrecherverlag die Neuerscheinung von Was war Faschismustheorie selbst auf Bluesky in den Kontext dieser Debatte,2Verbrecher Verlag, „Was ist Faschismus? Haben wir ihn schon? Im Feuilleton tobt gerade eine ziemlich heftig geführte Debatte über den Begriff. Wir empfehlen…“, Post, Bluesky, 27. Mai 2026, https://bsky.app/profile/verbrecherverlag.bsky.social/post/3mmtl4cpma22b. fragt der Band doch gerade nach dem Verhältnis von «Verstehen und Verhindern» (9) in der Faschismustheorie. Dabei geht Was war Faschismustheorie auf eine Tagung am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen 2024 zurück, auf der die Frage der Feuilleton-Debatte nach »Was war Faschismus« auf die Frage nach der Gattung der Faschismustheorie verschoben wurde. Dabei, so Morten Paul in seinem Beitrag, fällt der Blick nicht mehr nur auf den Gegenstand, sondern auch «auf die Produktions- und Rezeptionszusammenhänge der Faschismustheorie.» (48)
Was war Faschismustheorie geht dieser Perspektive auf über 400 Seiten in 4 Rubriken und einem Gespräch nach. Die erste Rubrik mit dem Titel Faschismustheoriegeschichte schreiben befasst sich dabei genau mit der Frage nach der Faschismustheorie als Textgattung. Hier sticht insbesondere der Forschungsaufriss Morten Pauls heraus, der mit knapp über 90 Seiten mit Abstand der ausführlichste Text des Bandes ist. Die zweite Rubrik unter dem Titel Den faschistischen Aufstieg theoretisieren geht dem Schreiben von Zeitgenoss*innen des Aufstiegs faschistischer Regime im 20. Jahrhundert nach. Dabei wird nicht nur auf die Theorie als solche rekurriert, sondern sie wird in den Kontext ihres Entstehens gesetzt. Der dritte Teil des Bandes versammelt unter dem Titel Faschismustheorie – Auch eine Geschichte der BRD Texte, die sich mit dem Kontext und den Strategien der Frage nach – und dem Vorwurf von – Faschismus in der BRD auseinandersetzen. Ein Gespräch zwischen Alex Demirović, Luce deLire, Morten Paul und Tatjana Söding leitet dann über zur vierten Rubrik, die die Gegenwart faschismustheoretisch erschliessen will.
Vorneweg möchte ich das Buch allen empfehlen, die sich nicht einfach nur für die «ist es, oder ist es nicht Faschismus»-Debatte interessieren. Was sämtliche Autor*innen schaffen, ist, nicht nur einen Überblick über die Theoretisierung des Faschismus zu geben, sondern auch den Blick dafür zu schärfen, dass es sich dabei um eine Gattung handelt, die «aufgrund der Gewalttätigkeit des Faschismus mit besonderer Dringlichkeit» (43) geschrieben wurde und wird.3Diese Dringlichkeit kommt in aktuellen Beiträgen zumindest derjenigen, die von Faschismus sprechen, immer wieder durch. Vgl. dazu bspw. Alberto Toscano, Spätfaschismus: Rassismus, Kapitalismus und autoritäre Krisenpolitik. Münster 2025; Eva von Redecker, Dieser Drang nach Härte: über den neuen Faschismus. Frankfurt am Main 2026. Ich möchte folgend versuchen, ein paar Punkte, die ich aus dem Band mitnehme, herauszuarbeiten, auch wenn ich damit mit Sicherheit nicht allen Autor*innen, Texten und Themen gerecht werde.
Verstehen und Verhindern
Sowohl Fernando Esposito (23) als auch Morten Paul (49 f.) weisen darauf hin, dass die Gattung Faschismustheorie das Produkt einer Sammlungsbewegung von Texten ist, die in den 50/60er Jahren begann. Zwar hatte Walter Benjamin bereits in den 30er Jahren eine Rezension mit «Theorien des deutschen Faschismus» überschrieben,4GS III, 238-250. doch das «Kompositum Faschismustheorie, […] tauche – zunächst mit einem Bindestrich gebildet – erstmals in der Zeitschrift Das Argument auf» (23).
Die Texte, die in den 50er und 60er Jahren eingesammelt wurden, werden von Paul als «Gebrauchstexte» charakterisiert, die «in der Regel mit konkreten politischen Zielen verfasst worden waren.» (52) Als Interventionen in den eigenen Alltag, der sich durch den aufziehenden Faschismus immer mehr zu verfinstern drohte, schrieben diese Autor*innen für Paul in der doppelten Absicht des Verhinderns und des Verstehens gleichermaßen. Caroline Adler beschreibt bspw. Walter Benjamins «kleinen Artike[l], Interviews oder Rezensionen« als »[V]ersuch[e] Benjamin[s], in die Debatten seiner Zeit zu intervenieren.» (159)
In die Texte, die als Intervention und mit der Absicht, den Faschismus zu verhindern, geschrieben wurden, kommt jedoch in dem Moment eine Spannung, in dem das Verhindern scheitert (53 f.). So sieht sich Simone Weil – laut Elena Stingl – auf ihrer Deutschlandreise 1932 mit einem anderen Deutschland konfrontiert, als sie es sich laut ihrer marxistisch-trotzkistischen Analyse ausgemalt hatte. Statt in das «Epizentrum eines Schicksalkampfes» (182) von Antifaschist*innen gegen den Faschismus zu reisen, bleibt Weil nichts anderes übrig, als über die «‹unbewussten› Arbeiter*innen in der Hitlerbewegung» (189) zu schreiben.
Die Verbindung von Verstehen und Verhindern setzt sich – in komplizierterer Form – auch in der BRD fort. Im Kontext der post-nazistischen Gesellschaft und gerade der Bewegungen der 68er Jahre wurde die Faschismustheorie zu einem Ort, an dem die Gesellschaft ihr «Selbstbild verhandelte» und auch weiterhin «auf der Nützlichkeit des Begriffs beharrte und ihn auf die Gegenwart wendet[e].» (70) In den 70er Jahren wandelte sich sowohl der Theoriekanon, mit dem der Faschismus analysiert wurde, als auch, so Paul, mit Ende der 70er Jahre der Ort, an dem die Faschismustheorie stattfand. Sie wechselte entweder in die kleiner werdende linke Subkultur oder die Universität (82).
Wenden wir uns heute – so wie in der eingangs erwähnten Debatte – autoritären Momenten in unserem eigenen Alltag zu, kommt auch hier das Verhältnis von Verstehen und Verhindern auf. Alle Autor*innen der oben angesprochenen Debatte argumentieren gerade damit, dass es darauf ankommt, das, was da kommen mag, zu verhindern. Wie vor knapp 100 Jahren müssen wir uns der Spannung, die zwischen einem Vorschlag zum Verstehen und dem Scheitern des Verhinderns besteht, gewahr sein. Dazu gehört auch, die Frage nach dem Ort der Theorieproduktion und ihrer Rezeption zu stellen.
Den Blick dahinter wagen
Laut Frederike Sigler geht es der Künstlerin Henrike Neumann in ihrer Darstellung der faschistischen Ästhetik «um die Summe der Teile, das Zusammenwirken der Objekte als Ensemble und somit um eine Verschiebung des faschistischen Gehalts weg von einzelnen Objekten und einzelnen Stilen» (395). Diese Verschiebung kann ich in vielen der Texte in Was war Faschismustheorie wiedererkennen.
In ihnen geht es nicht darum, was aktuelle Bewegungen sein, machen und haben müssen, um als faschistisch zu gelten.5Man muss hier generell einmal einen Einspruch erheben. Wer aus der Vergangenheit, hier den vergangenen faschistischen Bewegungen, einen klaren Begriff von dem erhalten will, was Faschismus ist, der wird daran zwangsweise scheitern. Man kann hier nur auf Walter Benjamin verweisen, der deutlich gemacht hat, dass jede Geschichte einem doppelten Zeitindex unterliegt. Zum einen der Vergangenheit, aber auch grundlegend der Gegenwart. Das, was wir heute am Faschismus der Vergangenheit erkennen können, ist etwas anderes, als das, was in den 60er Jahren dazu erkannt wurde. Geschichte ist nicht abgeschlossen, sie bleibt weiter veränderlich, und damit bleibt jede Checkliste gegenüber der Geschichte prekär. Fernando Esposito macht deutlich, dass der Blick hinter den Faschismus, also der Blick auf den ihn ermöglichenden Kontext, von Beginn an Teil der Faschismustheorie war. Er rekonstruiert anhand zweier Werkkomplexe und Momenten, wie die Kritik und Analyse des Faschismus immer auch Kritik und Analyse der Aufklärung und der Moderne war. Sowohl für die von ihm untersuchte Dialektik der Aufklärung (1944) Adorno und Horkheimers, als auch für Zygmunt Bauman ist der Faschismus und der Holocaust nicht «eine Rückkehr der Barbarei oder Pathologie der Moderne [oder] Folge des Scheiterns des Zivilisationsprozesses» (29), sondern ihre Konsequenz.
Auch wenn Esposito die – an die Sentenz Horkheimers angelehnte – Frage: «Worüber sollten wir heute eigentlich reden, wenn wir vom Faschismus nicht schweigen wollen?» (19) unbeantwortet lässt, geben uns gerade die Texte Hinweise darauf, wo wir nach der Antwort suchen könnten, die in der vierten Rubrik näher an die Gegenwart heranrücken.
Frank Engster rezipiert bspw. Furio Jesis mythologische Maschine (345 f.). Er beschreibt, wie der Faschismus sich den Mythos und die Art und Weise des Umgangs mit diesem durch die bürgerliche Moderne zunutze macht, um leere Dinge wie den «Juden» des Antisemiten oder den «Ausländer» des Rassisten zu erschaffen. Philipp Schönthaler setzt sich mit Roland Barthes Verständnis der Sprache als «einfach faschistisch» (360) auseinander. Hier verbinden sich im Sprechen die Teilhabe am Herrschenden – der Sprache als «klassifikatorische Ordnungsmacht» (371) – durch das Wiederholen der herrschenden Sprache mit dem Zwang, diese zu benutzen. Zum Schluss weist Mona Leinung noch in Anschluss an Adorno und McLuhan auf die «Krise des Aisthetischen: einer Krise, in der Wahrnehmung nicht mehr als tastende, reflexive Annäherung an die Welt verstanden wird, sondern als unmittelbare, Reaktion auf Reizangebote» (412) hin, die durch die neuen digitalen Medien ausgelöst wurde und ein kritisches Verhältnis zur Welt kaum noch möglich zu machen scheint.
All diese Ansätze können erhellen, welche Momente der Gegenwart – damals wie heute – von Faschist*innen zum fascio (dem Bund) zusammengefasst werden. Zentral scheint dabei nicht so sehr zu sein, was zusammengenommen wird, sondern durch welche Logik der Bund geschnürt wurde und welche Objekte sich dieser Logik beugen können.
Was war Faschismustheorie ist ein gelungener Band. Die Publikation im Verbrecherverlag und die immer wieder reflektierte Gegenwart machen ihn nicht nur zu einem Buch für Theoriehistoriker*innen. Der Ort der Publikation und sein digitales Erscheinen als Open Access machen den Band selbst zu einem Anwärter auf den Titel Gebrauchstext. Die Texte sind jedoch oft durch ihren doppelten Fokus auf Theorie und ihren Kontext, zusammen mit den Zwängen des begrenzten Platzes – denen sich nur Morten Pauls Beitrag entzieht –, dann am gewinnbringendsten, wenn ein gewisses Wissen über die behandelte Theorie und den Kontext existiert. Gleichzeitig sind es gerade diese Überforderungen beim Lesen, die zum Weiterlesen motivieren.
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