Die Veröffentlichungen der Epstein-Akten werden wenig überraschend von voyeuristischer Sensationslust und kruden Verschwörungserzählungen begleitet. Die Offenbarungen über eine sexuell und moralisch verkommene Elite passen perfekt in das Weltbild mancher Akteure, die sich sofort bemühen, die patriarchale Gewalt Epsteins und seiner Kontakte klassenreduktionistisch zu instrumentalisieren. Die neu gegründete *Revolutionäre Kommunistische Partei* (RKP) fordert eine «Revolution gegen die Epstein-Klasse» und schimpft, für diese gelten «andere Regeln als für die Masse». Fälle wie der von Gisèle Pelicot und Berichte über Vergewaltiger-Netzwerke auf Telegram zeigen, dass auch ganz normale Männer oft ohne Behelligung widerwärtigste sexuelle Gewalt an Frauen und Mädchen ausüben können – sogar Männer aus der Arbeiterklasse. Dennoch stellen die Veröffentlichungen über die Mittäterschaft von in Kultur, Politik und Gesellschaft zentrale Positionen innehabenden Akteuren an einem riesigen Missbrauchsring sowohl eine ideologiekritische Linke als auch die feministische Bewegung vor Herausforderungen.
Davon ausgehend haben die Autorinnen dieses Textes mit der Schriftstellerin Koschka Linkerhand über das Verhältnis feministischer Praxis zum Staat gesprochen. Der folgende Text basiert zu großen Teilen auf der Verschriftlichung eines Gesprächs, das im Rahmen der Veranstaltung «Was ist materialistischer Feminismus?» vom Arbeitskreis für Kritische Gesellschaftstheorie Gießen am 21.05.2026 mit Koschka Linkerhand geführt wurde.
Wir sitzen unter einem Baum hinter dem Gießener Autonomen Kulturzentrum AK44. Hier findet gleich die Veranstaltung statt, bei der Koschka Linkerhand einen Vortrag halten wird. Wir, das sind die Autorinnen dieses Textes und die Referentin selbst. Zwei Generationen Feministinnen, und wir, die jüngeren, fragen Koschka nach ihrer Einschätzung des «Marschs durch die Institutionen», den die zweite Frauenbewegung gegangen ist. Wie sie die Entwicklung von einer autonomen Bewegung mit selbstverwalteten Frauenhäusern, Kinderläden und Kämpfen auf der Straße zu staatlich geförderten Zentren, Gleichstellungsbüros und «Gender-Mainstreaming» bewertet. Können wir uns heute noch auf den Staat verlassen? Wird das nicht wegfallen in Zeiten des autoritären und antifeministischen Backlashs? Koschka lächelt. «Hm… Ich packe meine große Kristallkugel aus….» Feministisch sozialisiert in den 2000ern ist sie ebenso wie wir mit einem Staat großgeworden, der sich zumindest formal die Geschlechtergerechtigkeit auf die Fahne geschrieben hat und durchaus auch Ressourcen für notwendige feministische Arbeit geliefert hat. Diese (immer nur scheinbare) Selbstverständlichkeit bröckelt erst seit wenigen Jahren. Koschka Linkerhand kann zwar die Zukunft nicht vorhersagen, betont aber ihre Sorge vor einer zunehmenden Streichung von Geldern für feministische Projekte. Sie verweist auf das queere Bildungs-, Beratungs- und Begegnungszentrum RosaLinde in Leipzig, das aktuell abgewirtschaftet werde. Sie habe gute Erfahrungen gemacht mit hauptamtlichen Mitarbeiter:innen von Frauenhäusern und Stellen wie der RosaLinde. Punktuell seien auch Parteipolitiker:innen, bis zu einem gewissen Karrieregrad, «mit krassem Herzblut» dabei, die ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen für die feministische Sache einzusetzen. Es gelte also, die partiellen Errungenschaften, die in den vergangenen Jahrzehnten auch auf dem Terrain des Staates und seiner Institutionen erkämpft wurden, zu verteidigen. Aber Koschka Linkerhand weiß auch um die Problematik eines zu vertrauensvollen Verhältnisses zum Staat, das sein strategisches Wesen vergisst und sich naiv auf die öffentliche Hand verlässt. Verwundert erzählt sie, wie schnell beispielsweise feministische Gruppen, die in Leipzig Protest gegen einen Auftritt Till Lindemanns organisierten, auf die Idee kamen, dafür Gelder zu beantragen. «Sich unseren Widerstand staatlich finanzieren zu lassen, ist etwas, was wir uns abschminken können als Feministinnen und als Linke,» betont Koschka.
Institutionalisierter Feminismus – anti-systemischer Maskulinismus?
Könnte diese Institutionalisierung des Feminismus, auf die sich jahrelang zu sehr verlassen wurde, sogar mitverantwortlich sein für maskulinistische Ressentiments und die aktuelle, sich immer stärker anti-systemisch gebende Männerrechts- und INCEL-Bewegung?, möchten wir wissen. Koschka schüttelt den Kopf. «Das ist so eine wahnsinnige Vorstellung, der Staat werde von Feministinnen betrieben. Ja, es gibt institutionalisierte Frauenförderung, aber damit versorgt der Staat eigentlich nur punktuell die Wunden, die er selber schlägt.» Das denjenigen zu erklären, die auf «Verbotskultur» und «Genderzwang» schimpfen würden, sei müßig. «Das haben Leute schon geschrien, als Alice Schwarzer in den 70er Jahren zum ersten Mal im Fernsehen aufgetreten ist oder als der erste feministische Artikel im *Stern* erschienen ist.» Deshalb müssten wir nicht die Institutionalisierung aufgeben. Aber, haken wir nach, während sich dieses Verhalten bei älteren Männern noch durch einen «Verlust männlicher Privilegien» erklären lassen könnte, sei es ja gerade so erschütternd, wie viele Jungs und junge Männer, die diese männliche Machtposition nie als gelebte erfahren haben, gerade so empfänglich sind für maskulinistische Positionen. «Das wäre interessant, sich das mal sozialpsychologisch anhand früher Sozialisation anzuschauen,» schlägt Koschka vor. «Welches Subjektversprechen wird kleinen Jungen in der heutigen Gesellschaft gemacht, das später vielleicht nicht real erfüllt wird, und dann zu Besitz- und Machtansprüchen führt und zu dem Gefühl, zu kurz zu kommen oder eingeschränkt zu werden?» Der autoritäre Charakter befände sich immer in dem Widerspruch, am großen Player (wie dem als feministisch imaginierten Staat) orientiert zu sein, zugleich aber selbst Macht ausüben zu wollen.
So oder so, wenn es um institutionalisierte Förderung geht, ist Koschka Linkerhands Devise: Retten, was zu retten ist, und gleichzeitig Alternativen aufbauen. Ohnehin sei beispielsweise staatlicher Gewaltschutz immer bereits auf einen engen Rahmen begrenzt und an bestimmte Kriterien gebunden, wie an die enge Zusammenarbeit mit der Polizei. Dass allein dieser Fakt realiter ganze Gruppen gefährdeter Personen ausschließen kann, sollte die feministische Bewegung schon vor dem Wegfall staatlicher Strukturen im Blick haben. Dennoch kann der drohende Abbau staatlicher Institutionen als Impuls gesehen werden, endlich autonomen Selbstschutz zu organisieren, der auch die am stärksten Marginalisierten mitdenkt. «Wir müssen wegkommen von diesem karitativen Moment und uns breiter aufstellen. Nicht, weil wir Mitleid mit den ‘armen Frauen’ haben, sondern weil wir alle als Frauen und Queers und rassifizierte Menschen ganz schön bedroht sind von patriarchaler, staatlicher und rassistischer Gewalt», sagt Koschka.
Feministischer Selbstschutz?
Doch wie könnte ein solche solidarische Selbstorganisierung aussehen? Welche Alternativen zu staatlichen Strukturen konnten von Feminist:innen bisher entwickelt und angewandt werden? Wie lässt es sich real umgehen mit Problemen abolitionistischer Theorie und Praxis, wo autonome feministische Strukturen nun mal kein Gewaltmonopol haben und eigenständige Aufarbeitungsprozesse von sexueller Gewalt ganz eigene Tücken haben? Koschka Linkerhand verweist auf Beispiele aus Lateinamerika, wo Frauen zum Teil selbstorganisiert Frauenhäuser aufbauen und diese mit Barrikaden gegen die Polizei verteidigen würden. Männerfreie Nachbarschaften seien ein weiteres Beispiel. Solche Initiativen entspringen selbstverständlich dem Zwang der Verhältnisse, betont Koschka, und sollten nicht romantisiert werden. Dennoch seien diese Bewegungen den deutschen Feminist:innen in gewisser Weise in etwas voraus. Hier bliebe es meistens bei Militanzfantasien, die sich in Sprüchen wie «Vergewaltiger, wir kriegen euch» und queerfeministischer Popkultur ausdrücken würden. Militante feministische Gruppen, die direkt in die körperliche Auseinandersetzung gehen würden, gebe es eigentlich keine. Als Positivbeispiel aus den letzten Jahren fällt uns beim gemeinsamen Nachdenken noch die vielerorts organisierte Anreise von Antifa-Gruppen zu CSDs ein, bei denen versucht wird, tatsächlich körperlichen Schutz zu bieten vor potentiellen Angriffen durch Neonazis und Andere, die den CSD bedrohen.
Feministische Reaktionen auf das Gefühl von Ohnmacht
Wir fragen uns aber auch, wie dieser Schritt in die Aktivität eigentlich gelingen kann; wie kann aus der Betroffenheit an einer Gewalterfahrung und der Solidarität mit den Opfern ein kollektives Handeln werden? In ihrem 2024 veröffentlichten Essayband «Feministisch Streiten 2» hat sich Koschka Linkerhand Gedanken darüber gemacht, welches Thema gerade feministisches Mobilisierungspotential hat, und die These aufgestellt, dies seien vor allem Femizide. Sie beschreibt die kraftvollen Proteste und solidarischen Praktiken der «Ni una menos»-Bewegung in Argentinien und ähnlicher feministischer Protestbewegungen in anderen lateinamerikanischen Ländern. Auch in Deutschland kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Protesten und feministischen Aktionen nach Femiziden oder anlässlich des Tages gegen Gewalt an Frauen, doch ein wirkliches Momentum erreichte die feministische Bewegung nie.
Heute ist das Thema, das aus feministischer Perspektive das größte Entsetzen auslöst – und damit auch das größte Mobilisierungspotential hätte – das Ausmaß sexueller Gewalt im analogen und digitalen Raum, die durch prominente und nicht-prominente Männer ausgeübt wurde und die nun kumuliert bekannt wird. Das Entsetzen und die Empörung darüber sind riesig, in der medialen Debatte im Allgemeinen und bei Frauen im Spezifischen. Aber auch in diesen Fällen scheint es wieder so, als würde auf die Schockwellen keine Übersetzung ins Handeln folgen. Als wäre alles was bleibt, polemisieren wir, drei *Z**eit*-Artikel, ob es jetzt noch cool sei, einen «Boyfriend» zu haben. Ironisch wirft Koschka ein: «Heterofatalismus!», wird dann aber wieder ernst. Die Debatte rund um die Fälle sexuellen Missbrauchs komme ihr resigniert vor, wie ein «Überwältigungsszenario, mit den Frauen als Opfer und der Gesamtheit der Männer als Täter.» Man könne als Frau sein Leben so selbstbestimmt führen, wie man nur wolle – irgendwann «erwische» es einen dann halt. «Als wäre das Patriarchat irgendwas, was einen so überfällt.» Und diese vermeintliche Machtlosigkeit werde durch Fälle wie den von Gisèle Pelicot oder Collien Fernandes zunächst untermauert. Aber Koschka betont, dass auch diese Fälle nicht vom Himmel gefallen seien; auch bei den (mutmaßlichen) Tätern in diesen Fällen habe es «andere Zeichen des normalen, alltäglichen Patriarchats» gegeben, die «irgendwie toleriert wurden».
Aber gerade im Fall von Pelicot, haken wir nach, ist es doch exemplarisch, dass es eben die sprichwörtlichen «normalen Männer» waren, aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kontexten, die an den Vergewaltigungen beteiligt waren. Da ist es doch beinahe verständlich, wenn bei der Kumulation dieser «Einzelfälle» eine Ohnmacht aufkommt, ein Gefühl, niemandem mehr vertrauen zu können. Wir bleiben an der Frage hängen, wie wir aus diesem Gefühl der Machtlosigkeit heraustreten könnten. In «Feministisch Streiten 2» hat Koschka Linkerhand in einem Aufsatz über feministische Subjektkritik darüber nachgedacht, wie feministische Subjekte sich trotz struktureller Zurichtung und Gewalt eine eigene Handlungsmacht erhalten können und müssen. Müsse man diese «Handlungsmacht trotz Patriarchat» nicht auch einfach Männern zutrauen? «Ja, und das auf breiter Ebene einfordern,» betont Koschka. Das beginne bei Frauen, die – entsetzt von den Fällen sexueller Übergriffe – mit ihrem Partner darüber sprächen und diesen nicht damit entkommen ließen, sich mit einem ,das hat doch nichts mit mir zu tun’ herauszureden. «Also wirklich so eine strukturelle Verantwortlichkeit einzufordern, die halt keine persönliche ist, aber den Typen auch nicht gehen zu lassen mit einer Ausrede a là ‹ich lade mir ja keine Deepfakes runter›.» Wobei auch hier der Schritt aus dem individuellen Gespräch in die kollektive Handlung ein großer scheint…
Auch aus dieser Ohnmacht und dem Bedürfnis danach, den Fällen sexueller Gewalt etwas entgegenzusetzen, mehren sich in den vergangenen Monaten die Rufe nach Strafrechtsverschärfungen; die Bundesjustizministerin legte kürzlich einen Vorschlag zur Verbesserung des Schutzes vor digitaler Gewalt vor. Damit werden zwar einerseits rechtliche Leerstellen geschlossen, aber andererseits wirken derartige Forderungen manchmal wie eine machtlose Übersprungshandlung: Wollen wir den Kampf gegen das Patriarchat wirklich einzig den Strafverfolgungsbehörden überlassen? Und helfen strengere Gesetze dabei überhaupt? Koschka überlegt kurz und erzählt zunächst von einem kürzlich gelesenen Artikel, der diesen «karzeralen Feminismus» anprangert, der ein autoritäres Strafbedürfnis in den Mittelpunkt stelle. Gleichzeitig glaubt sie weiterhin, dass man beides machen müsse: den Staat in der Verantwortung zu halten für den Gewaltschutz, in dem gleichzeitigen Wissen darum, dass er dieses nur sehr selektiv ausübe. Dies solle uns aber nicht davon abhalten, gesetzliche Regulierungen für feministische Themen zu fordern. An dieser Stelle bringt Koschka Linkerhand als Beispiel die Frage der Regulierung von Prostitutionen ein: Sie stehe einem Nordischen Modell prinzipiell positiv gegenüber, aber «nur unter starker feministischer Begleitung und Überwachung des staatlichen Handelns. Damit dieses frauenfeindliche, rassistische und queerfeindliche Potential, das staatlichem Handeln innewohnt, möglichst eingehegt wird.» Und damit feministische Gruppen immer wieder «reingrätschen könnten». Wie genau eine solche feministische Kontrolle aber aussähe und wie konsequent sie durchgesetzt werden könnte, bleibt im Gespräch offen.
«Wir struggeln da halt so krass rum und kommen nicht ohne den Staat klar und mit ihm aber auch nicht,» sagt Koschka am Ende unseres Gesprächs. «Und für beides gibt es sehr gute Gründe. Da finde ich es eine gute Sache, sich dazu mal ins Verhältnis zu setzen.» In unserem Gespräch haben wir anhand unterschiedlicher Themen versucht, das Verhältnis der feministischen Bewegung zum Staat auszuloten, anzutippen, uns dazu ins Verhältnis zu setzen. Nach etwa einer Stunde verlegen wir unser Gespräch zwanzig Meter weiter, in einen Raum des AK44 in Gießen und diskutieren über zwei Stunden mit vielen gekommenen Genoss:innen über diese und weitere Fragen der aktuellen feministischen Bewegung.
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